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Achtung Pilzberatung bei Egerlingen - Stielbasisregel greift nicht mehr!

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Christoph:
Servus beinand,

ich muss (leider) ein Update machen... Ich bin gerade dabei, mich durch die Funde von 2018 durchzumikroskopieren. Jetzt habe ich mir diesen Agaricus vorgenommen...

und... nun ja, die Sporenmaße passen nicht zu Agaricus pseudopratensis.

Ich komme auf 7,0-8,1-8,75 x 4,25-4,8-5,5 µm

Damit sind sie deutlich zu groß für Agaricus pseudopratensis. Nur was ist es dann?

Das Fleisch roch unangenehm, nach Karbol. Der Fruchtkörper hat schwach gegilbt, danach dann deutlich gerötet. Die Stielbasis hat keine abgesetzte Knolle.

Agaricus menieri würde hinsichtlich der Sporenmaße passen, ist aber eine Art der Sanddünen und hat eine deutlich gilbende Stielbasis. Passt also auch nicht.

Ich wüsste aber auch nicht, wohin er sonst passt als in eine der beiden Sektionen Xanthodermatei und Hondenses (die beide giftige Arten enthalten).

Die Lamellenschneide ist natürlich steril und von Chelizystiden besetzt (so um die 17-24 x 7,5-14 µm) und die Sporen haben keinen Keimporus. Es ist also auch definitiv kein Wiesenegerling i.w.S., der halt mal komisch roch.

So ist es ein Agaricus spec. (die häufigste Art der Gattung), aber die Warnung bleibt natürlich dennoch bestehen. Zum einen hatte ich den echten Agaricus pseudopratensis schon in Österreich (da passten die Sporenmaße auch), zum anderen wurde Agaricus pseudopratensis bei uns schon oft genug kartiert - er ist also da. Und Agaricus freirei schein in Brandenburg ja auch schon da zu sein.

Liebe Grüße,
Christoph

UmUlmHerum:
Servus Christoph,

nur ein paar Randbemerkungen:

Mit meinem Jungkarboli-Pfannentest wollte ich ja eine realistische Situation nachstellen, da wird die Stielbasis natürlich abgeschnitten. Und wollte wissen, ob der Pfannentest als letzte Notbremse wirklich 100%ig funktioniert → nein!

Auf meinem Beutebild sind auch leichte Anlauffarben zu sehen, Richtung orange – rosa Fleisch wäre eh okay. Aber wenn der pseudopratensis zwar röten kann, aber nicht unbedingt gilben muss, und der Ring auch mal abfällt (von jungen Frk. ganz zu schweigen)... → Mahlzeit!

Zwei der Frk. mit ausgebreiteten Hut haben noch deutliche Ringe/-reste am Stiel. Ich dachte, ob die Beiden vielleicht nicht ganz koscher waren?!

Die Stelle wurde bestimmt nicht geodelt  :D Das ist ein schmaler Streifen Streuobstwiese zwischen Fußballplatz und Kreisstraße, die vom Gemeindepfleger ab und zu mit einem Mini-Traktor gemäht wird, die Apfelbäumen sind nummeriert und einzeln verpachtet, da käme ein großer Bulldog mit Odelfass kaum zwischen den Bäumen durch. Abgesehen davon, der letzte hiesige Großbauer verfüttert Silage und hat eine Schwemmmiste – da kämen keine Champignon (und regelmäßig Amanita strobiliformis) durch...  >:(

Morgen (= heute) fahre ich mal wieder für eine Woche nach Uffing. Nass genug ist es ja inzwischen, warm genug auch wieder. Hoffentlich habe ich ein bisschen Zeit fü Wald & Pilz.

Gute Nacht – Rika

Christoph:
Servus Rika und Schorsch,

ja, ich gehe davon aus, dass mit der Heißwasserprobe das Herauskitzeln des Geruchs mittels heißem Wasser ist. Vielleicht lag es am Wegschneiden der Stielbasis, dass es nicht geklappt hat?! Ich muss aber zugeben, dass ich das noch nie selber versucht habe. Bisher haben alle brav auch so gerochen, wenn sie lang genug lagen. Das war auch bei Agaricus xanthodermulus / laskibarii, Agaricus phaeolepidotus und Agaricus pseudopratensis der Fall, die ich bisher in der Hand hatte. Die "Wasserprobe" war daher bisher unnötig.

Zum Ring von Agaricus pseudopratensis - ja, der sieht schon jung etwas kompakter aus als bei Agaricus campestris, ist aber später auch hinfällig, fällt also ab und ist dann so gut wie weg. Es bleibt neben dem Geruch als Hauptmerkmal das deutliche Röten im Fleisch, das vorher aber auch schwach gilben kann.

Hier wird das sehr schön  gezeigt: https://www.funghiitaliani.it/topic/69356-agaricus-pseudopratensis/

Und nochmal zu Agaricus freirei - im gleichen Forum wird hier ergänzt, dass dem Ring der Zahnradkranz fehlt, dafür beim Abreißen vom Hutrand ein unterseits brauner Rest mit abgeht - siehe hier: https://www.funghiitaliani.it/topic/77541-agaricus-freirei/

Agaricus freirei scheint übrigens Sand zu benötigen und ist ein Dünenpilz. Brandenburg liegt da als Fundregion im Bereich des Möglichen. Allerdings gebe ich zu, dass ich dem Fundpunkt aus pilze-deutschland.de nicht blind glaube. Jedenfalls ist das Auftreten von Agaricus freirei in Bayern doch sehr unwahrscheinlich - man braucht warm plus Sand... wenn, dann wohl in den Binnensanddünen im Lkr. Kelheim (Siegenburg, Abendsberg).

Was die Gifitgkeit angeht, so ist Ludwig natürlich auch nur eine Sekundärquelle. Und da er vermutlich auch keinen Vergiftungsfall real kennt, ist "giftverdächtig" natürlich das korrekte Attribut für Agaricus pseudopratensis. Da er aber auch nach Karbol riecht (und die den Geruch bedingenden Inhaltsstoffe ja problematisch sind), liegt die Giftigkeit schon sehr nahe - anders gefragt: gibt es einen ungiftigen Vertreter der Karbolegerlinge?

Jedenfalls gilt er wohl in Frankreich als giftig: https://www.mycodb.fr/fiche.php?genre=Agaricus&espece=pseudopratensis

Unabhängig davon, ob er nun bzw. wie giftig er ist - der Giftverdacht reicht m.E. völlig aus, um hier als Pilzberater sehr vorsichtig zu sein.

Bei Rikas Fotos sehe ich ehrlich gesagt nur Agaricus campestris.  :) Geruch nach Odel... ob da der Bauer tags zuvor...?  :o

Liebe Grüße,
Christoph

UmUlmHerum:
Hallo Christoph & Schorsch,

herzlichen Dank für Eure Ergänzungen!

Daraufhin habe ich mal meine Wiesenchampignon-Bilder vom September genauer angeschaut und verglichen mit diesen hier – schwierig. Aber ich habe den Eindruck, dass A. pseudopratensis einen robusteren Ring hat. Bei meinen A. campestris war er ± flüchtig. Wird so ja auch beschrieben.

Diese Heisswasserprobe: soll mit dem Erhitzen der Karbolgeruch provoziert werden? Nachdem ich bei meinem Test die Stielbasis großzügig weggeschnitten hatte, kam in der Pfanne kein typischer Geruch auf = keine 100%ige Methode.

Noch mal zu meinem Beute-Bild: so langsam frage ich mich, ob das alles wirklich Wiesen-Champignons waren – zwei haben einen deutlichen Ringrest, und ich glaube mich vage daran zu erinnern, dass 2 oder 3 Frk. beim Putzen merkwürdig gerochen haben: nicht nach Tinte, sondern so muffig, etwas nach Gülle (für die Bayern : Odel), ähnlich wie Stadt-Champignons. Hat aber gut geschmeckt und war normal verdaulich...

Viele Grüße – Rika

Schorsch:
Ergänzend darf ich eine Passage aus einem Briefwechsel mit Prof. Berndt wiedergeben:
Den Falschen  Wiesenegerling habe ich noch nicht in der Hand gehabt und kenne ihn nur aus der Literatur. Mit Horak oder Gröger müßte er auszuschlüsseln sein und sich vom Echten Wiesenegerling ( A.campestris ), der Hauptverwechselungsart, abgrenzen lassen.
Er wird als deutlich gedrungener und kleinwüchsiger beschrieben und seine Sporen sind mit 5-7,5 x 4 -5 µ kleiner als die des Echten Wiesenegerlings mit 7 -9 x 4 -6µ.
Die Angaben zu Geruch und  Verfärbung der Stielbasis nach Verletzung  sind in der Literatur unterschiedlich und damit unzuverlässig! Übereistimmend wird die Rötung des Fleisches aufgeführt.
E. Ludwig beschreibt ihn nur als "giftverdächtig".
Die Gelbverfärbung der Stielbasis nach Verletzung  beruht vermutlich  auf einer enzymatischen Bildung von Dihydroxyazobenzol. Möglicherweise fehlt das Enzym bei manchen Sippen oder ist nur in Spuren vorhanden, sodass es nicht oder nur zu einer diskreten Verfärbung kommt.
Interessant wäre, wie A.pseudopratensis bei der Heißwasserprobe reagiert, mit der wir im Zweifelsfalle Karbolegerlinge, die nicht nach Karbol riechen, identifizieren.

Zu A. freirei, der überhaupt nicht gilben soll sondern nur rötet, kann ich nichts sagen, da ich die Art nicht kenne.
Mit freundlichem Gruß
Ihr
Siegmar Berndt

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