Allgemein > Expertenforum Mykologie

Cortinarius suberythrinus - ein Wasserkopf im Frühjahr

(1/2) > >>

Christoph:
Servus Hias,

schade, dass keine ITS aus deinem Beleg zu holen war. Manchmal passiert das, selbst wenn man sehr vorsichtig und sofort trocknet.

Wenn man rein mit der DNA bestimmt, sind die morphologisch-anatomischen Merkmale schnell aus dem Fokus (Arbeit aus Quebec). Da es aber irgendwann zu aufwendig und zu teuer wäre, wirklich alle Kollektionen blind zu sequenzieren, wird die Erkennbarkeit der Arten mit klassischen Methoden weiterhin ein Thema bleiben. Da sind im Endeffekt vor allem wir Amateure gefragt.

Beispiel hier: die Frage, ob man Cortinarius suberythrinus und Cortinarius vernus sicher makroskopisch (oder auch anatomisch) Unterscheiden kann, ist ja gut überprüfbar. Wenn 10 Cortinarienfreuninnen und -freunde ihre "C. vernus agg."-Funde (jeder nur je einen) sequenzieren ließe und die Kollektionen gut dokumentiert würden, dann hätte man direkt 2 mal 10 unabhängige Datensätze und könnte prüfen, wie die Merkmale korellieren - so z. B. die Hutfarbe, die Stielfarbe usw.

Langsam und Stück für Stück kann man dann wohl häppchenweise bei vielen Gattungen / Sektionen / Artengruppen die Merkmale prüfen. Und wer weiß, vielleicht kann man doch mehr klassisch bestimmen, als gedacht. Nur gibt es eine "externe Überprüfungsmöglichkeit". Wenn das mit der DNA eben klappt, was ja leider nicht immer der Fall ist, wie dein Beispiel zeigt...

Liebe Grüße,
Christoph

Hias:
Servus Christoph,

leider hat meine im Thread gezeigte Kollektoin von C. cf. vernus offenbar keine ITS rausgerückt.

Eine interessante neue Arbeit aus Quebec, danke fürs Verlinken. Da sieht man schon, wie sich die Pilzbestimmung verändert: Die Autoren haben ihre Kollektionen einfach durchsequenziert (auf ITS) und dann mit den Typen verglichen. In den Beschreibungen steht zu allererst der Grad der Identität der ITS und dann überwiegend nur noch allgemeine Infos zur Art. Genaue morphologischen Beschreibungen werden offenbar als überflüssig erachtet. Immerhin liefern sie brauchbare Fotos.

Liebe Grüße
Hias

Christoph:
Servus beinand,

mittlerweile ist das "Problem" geklärt worden. Der Typus von Cortinarius suberythrinus konnte sequenziert werden. Die ITS stimmt offenbar zu 100% mit der des Typus von Cortinarius vernus var. navadovernus überein. Die ITS von Cortinarius vernus s. str. ist hier deutlich anders, sodass der Artrang feststeht. Siehe Landry et al. (2021), hier frei lesbar: https://www.mycoquebec.org/publications/Repertoire%20Cortinarius%20Quebec-small.pdf (auf S. 150)

Damit ist Cortinarius suberythrinus der korrekte Name für diesen sehr früh im Jahr erscheinenden, relativ dunkelhütigen Wasserkopf mit rötlichen Tönen.

Die frühere Diskussion hier, ob es Cortinarius vernus var. nevadovernus ist und ob Varietät oder Artrang richtig ist, hat sich somit geklärt.

Nach Liimatainen et al. (2020) ist Cortinarius tenebricus die am nächsten verwandte Art und wäre im Fall einer Synonymie prioritär.

Literatur:
Jacques Landry, Yves Lamoureux, Renée Lebeuf, André Paul, Herman Lambert & Roland Labbé (2021): Répertoire des cortinaires du Québec. 1re édition: janvier 2021; ISBN 978-2-9819047-0-6 (ePUB), ISBN 978-2-9819047-1-3 (PDF)

Kare Liimatainen, Tuula Niskanen, Bálint Dima, Joseph F. Ammirati, Paul M. Kirk & Ilkka Kytövuori (2020): Mission impossible completed: unlocking the nomenclature of the largest and most complicated subgenus of Cortinarius, Telamonia. Fungal Diversity, https://doi.org/10.1007/s13225-020-00459-1

Liebe Grüße,
Christoph

Christoph:
Servus beinand,

leider hatte ich im letzten Frühjahr keinen Cortinarius vernus s.l. finden können. Ich habe dennoch ein Update. Mir wurde dankenswerterweise die Originaldiagnose von Cortinarius suberythrinus zugeschickt.

Und ich muss sagen, ich bin wirklich etwas desillusioniert. Wie kann man einen Pilz neu beschreiben und nicht einmal die Sporenmaße angeben? Natürlich auch nicht einmal das Datum der Aufsammlung, die der Holotypus ist, noch die Erscheinungszeit, noch irgendeine Diskussion, warum das Taxon neu sein soll... Und die Beschreibung... minimalistisch. Erinnert mich an das 19. Jahrhundert, und selbst da waren manche Beschreibungen besser.

Sorry für die harten Worte, aber da ist die Abbildung im Atlas des Cortinaires aussagekräftiger als die Originalbeschreibung.

Ich stelle sie einfach mal hier rein, ohne sie (erstmal) weiter zu diskutieren.


Originaldiagnose aus Reumaux, P.; Moënne-Loccoz, P. 1988. En marge de l'Atlas des Cortinaires (2ème partie). Bulletin Trimestriel de la Fédération Mycologique Dauphiné-Savoie. 28(111): 23-26 - S. 24


aus Reumaux, P.; Moënne-Loccoz, P. 1988. En marge de l'Atlas des Cortinaires (2ème partie). Bulletin Trimestriel de la Fédération Mycologique Dauphiné-Savoie. 28(111): 23-26 - S. 25

Und als Schmankerl noch die Abbildung von Cortinarius suberythrinus var. geraniolens - die Sporen werden in der Originaldiagnose als subreticulatus bezeichnet (sic!), als Trennmerkmal neben dem Geruch... Nun ja  :-X


aus Reumaux, P.; Moënne-Loccoz, P. 1988. En marge de l'Atlas des Cortinaires (2ème partie). Bulletin Trimestriel de la Fédération Mycologique Dauphiné-Savoie. 28(111): 23-26 - S. 25

Und nicht wundern, sowas wie spec. nov. oder var. nov. dazuzuschreiben, wäre wohl zuviel der Mühe gewesen.  ???


Liebe Grüße,
Christoph

Christoph:

--- Zitat ---Man müsste also die beiden Taxa eigentlich Cortinarius suberythrinus var. suberythrinus (anstatt Cortinarius vernus var. vernus) und Cortinarius suberythrinus var. nevadavernus bezeichnen. Oder man trennt sie auf Artebene und wir sind wieder da, wo Hias "intervenierte", also bei Cortinarius vernus und Cortinarius suberythrinus als getrennte Arten (ITS ist ja auch unterschiedlich). Allerdings unter dem Vorbehalt, dass Cortinarius suberythrinus uns Cortinarius vernus var. nevadavernus tatsächlich das Gleiche meinen (sieht aber sehr danach aus).
--- Ende Zitat ---

Da hatte ich es selbst verdreht - ist mir auch nicht aufgefallen...

Also nochmal  8):

Cortinarius suberytrhinus sollte das sein, was später als Cortinarius vernus var. nevadavernus beschrieben wurde.

Drei Fälle:

1. Trennt man nur zwei Varietäten, so müssten diese unter Cortinarius erythrinus subusmmiert werden, da das der ältere Name auf Artebene ist.

Dann hieße die weinrötliche Frühjahrsvarietät Cortinarius suberythrinus var. suberythrinus
und die braunere, spätere Varietät müsste als Cortinarius suberythrinus var. vernus umkombiniert werden.

2. Trennt man die beiden Taxa auf Artebene, so hießen sie

Cortinarius suberythrinus (weinrötliche Töne, zeitiges Frühjahr)
und
Cortinarius vernus (eher braun, später fruktifizierend)

3. Man schmeißt alles zusammen
Dann heißt alles korrekt Cortinarius suberythrinus
(und Cortinarius vernus wäre bereits überflüssig).

Leider wurde bei der Neubeschreibung von Cortinarius vernus die Abgrenzung zu dem älteren Namen Cortinarius suberythrinus nicht diskutiert. Da der Name dann direkt weitgehend übernommen wurde, besteht jetzt das kleine Problemchen, wie man mit Cortinarius suberythrinus umgehen sollte.

In allen Fällen ist der Name Cortinarius vernus var. nevadavernus überflüssig.

Wie man es dreht und wendet, man wird an dem älteren Namen Cortinarius suberythrinus nicht vorbeikommen. Es besteht also noch nomenklatorischer Klärungsbedarf.

LG
Christoph

Navigation

[0] Themen-Index

[#] Nächste Seite

Zur normalen Ansicht wechseln