Autor Thema: Basidiomycet und keine Ahnung  (Gelesen 2995 mal)

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Offline Wolfgang D.

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Antw: Basidiomycet und keine Ahnung
« Antwort #4 am: 14. April 2010, 23:08 »
Hallo Gernot,

ich würde momentan zu Achroomyces (= Platygloea) tendieren. Da werden immer auch Arten mit "pezizoiden" bzw. "discoiden" Fruchtkörpern erwähnt, ohne dass ich momentan einen zwingenden Hinweis auf bestimmte Arten gefunden hätte.

Das taxonomische Problem bei Achroomyces ist die Fruchtkörperentwicklung. Eine Art kann intrahymenial in einem "Wirt" mit wenigen Basidien anfangen und sich letztlich zu einem großflächigen Fruchtkörper auswachsen, bei dem dann keine Spur mehr von einem ursprünglichen "Wirt" zu sehen ist. Das hat natürlich schon einige Verwirrung gestiftet (z. B. sind A. peniophorae und A. effusa wohl synonym, obwohl nach herkömmlichen Schlüsseln scheinbar völlig verschieden). Die Wachstum solcher Arten im Hymenium von Corticioiden oder in Apothecien wurde ja lange gemeinhin als Parasitismus interpretiert, während da aber vielleicht nur günstige Wachstumsbedingungen in Form einer "klimatischen Vergemeinschaftung" eine Rolle spielen, also eine Art Kommensalismus.

Es wäre natürlich schön, wenn noch schöne reife Fruchtkörper vorliegen würden, dass man die Form und Größe der reifen Sporen gut dokumentieren kann, ebenso der Basidien, ggf. der Pro- und Metabasidien von Achroomyces. Es wäre wichtig zu erkennen, wie die Basidien im Endstadium wirklich geteilt sind und wieviele Sterigmen sprießen.
Es gibt eine ältere Arbeit zu der Gattung, leider habe ich den Artikel nicht:
Bandoni R. J. (1956): A preliminary survey of the genus Platygloea. - Mycologia 48: 821–840.

Ansonsten einfach den Hetero-Spezialisten Peter Roberts konsultieren.
Vielleicht kann er ja schon aufgrund deiner Aufnahmen etwas sagen. Peter ist meines Wissens seit zwei Jahren nicht mehr in Kew, die aktuellste Email-Adresse, die mir vorliegt, ist
<peter.roberts@mycoservices.org.uk>

Hoffentlich berichtest du uns, wenn es zu deinem Fund etwas Neues gibt!

LG
Wolfgang



Offline Gernot

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Antw: Basidiomycet und keine Ahnung
« Antwort #3 am: 14. April 2010, 19:43 »
Hallo Wolfgang,

danke für deine Antwort! Bei den Auriculariales und u.a. bei Septobasidium war ich auch schon, fand jedoch keine sehr gut übereinstimmenden Merkmale. Eine Verbindung zum Pyreno könnte es durchaus geben, allerdings wuchsen die Arten eher getrennt (der unbekannte Pilz am Blattstiel und der Pyreno direkt am Blatt). Es gab bloß eine kleine Übergangszone an der Spitze des Blattstieles, wo beide Arten durcheinander wuchsen.

Danke auch für deine Mühen bezüglich der Literaturrecherche – ich bin schon gespannt, ob sich mein Fund genauer einordnen lässt.

Schöne Grüße
Gernot

Offline Wolfgang D.

  • Beiträge: 280
Antw: Basidiomycet und keine Ahnung
« Antwort #2 am: 14. April 2010, 18:02 »
Hallo Gernot,

das ist ja ein Ding. So wie es ausschaut, jedenfalls eine Auriculariales, da gibt es ja eine seltsame Formen, auch auf verschiedenen ungewöhlichen Substraten. Bemerkenswert ist die Basalschnalle, die bei den meisten Auriculariales ja fehlt. Schnallen gibt es z. B. bei Mycogloea, die an Pyrenos sitzen - glaubst du, besteht eine Verbindung zu deinem Pyreno?
Dann gibt es in der Verwandtschaft die artenreiche, aber fast unbekannte Gattung Septobasidium. Vielleicht können die in einem frühen Stadium so ähnlich aussehen.
Ich habe da einige Literatur über die Auriculariales, werde heute Abend ein bisschen schmökern, lesen kann ich es zum Teil leider nicht - der wohl umfangreichst Schlüssel ist auf Polnisch  ::)

Soweit eine erste knappe Reaktion auf deinen sicherlich ganz tollen Fund

LG
Wolfgang


Offline Gernot

  • Beiträge: 1.243
Basidiomycet und keine Ahnung
« Antwort #1 am: 14. April 2010, 16:44 »
Hallo,

man findet ja immer wieder solche Pilze, bei denen man einfach nicht weiter weiß....so einen hab ich hier.

Er wuchs am Blattstiel eines vorjährigen, am Boden liegenden Tilia-Blattes. Eigentlich hab ich das Blatt gesammelt, weil darauf ein netter Pyrenomycet (Ophiognomonia melanostyla) wuchs, doch unter der Lupe entdeckte ich am Blattstiel eben den vorgestellten Pilz. Makroskopisch war ich eigentlich von einem Becherling überzeugt, doch im Mikroskop war keine Spur von Asci. Nach langer Suche nach irgendwelchen brauchbaren Merkmalen (Sporen, Basidien, verkümmerte Asci, etc.) fand ich schließlich zuerst querseptierte Basidien ohne Sterigmen, die mich zu den Basidiomyceten brachten. Nach einigen weiteren Präparaten fand ich auch wenige Sporen und einsporigen Basidien, bestimmen konnte ich den Pilz dennoch nicht.

Funddaten: 10. April 2010, am Waldrand auf dem Blattstiel eines am Boden liegenden Tilia-Blattes. Soc.: Ophiognomonia melanostyla (DC.) Sacc. 1899.
Fruchtkörper: Winzig, becher- bis kissenförmig, von oben betrachtet graubraun, von der Seite betrachtet heller, aus den oberen Gewebeschichten des Blattstieles hervorbrechend.
Sporen: Breit ellipitisch bis bohnenförmig, 6,5-8 x 4,5-5 µm, hyalin, glatt.
Basidien: Jung (?) keulig, bis zu dreifach septiert, mit Basalschnalle, später ein einzelnes Sterigma ausbildend.
Zystiden: Keine gesehen.
Hyphen: Basal deutlich braun und rundlich-vieleckig, gegen den Rand länglicher und heller werdend, in jeder Zelle mit einem stark lichtbrechendem Tropfen gefüllt, insgesamt sehr an einen Ascomyceten erinnernd.

Ich habe versucht mit dem Jülich, Nordic Macromycetes und MycoKey zu bestimmen, allerdings ich bin nie zu einem Ergebnis gekommen. Ich hab auch schon an einen parasitierten Ascomyceten gedacht, weil der Aufbau und der Habitus der Fruchtkörper wirklich sehr an einen Asco erinnern, doch auch da fand ich nichts Passendes. Hier noch die Bilder:


Fruchtkörper


Links unten Sporen, sonst Basidien (Skala=10 µm)


Querschnitte, rechts unten und Mitte Außenseite der Fruchtkörper

Vielleicht hat ja jemand von euch eine Idee. :)

Schöne Grüße
Gernot
« Letzte Änderung: 14. April 2010, 16:46 von Gernot »