Autor Thema: Dendrothele acerina - leicht bestimmbar, kaum kartiert...  (Gelesen 6623 mal)

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Offline Christoph

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Dendrothele acerina derzeit sehr häufig (und reif)
« Antwort #9 am: 24. Februar 2010, 20:58 »
Ich war heute (24.2.2010) nochmal kurz spazieren (in Oberpfaffenhofen, falls jemand aus der Nähe ist). Waldtyp: Waldsaum, ehemaliger Mittelwald mit viel Eiche/Hainbuche, eingestreut viel Hasel, vereinzelt Feldahorn und Spitzahorn.

Ich bin gezielt zu vier Ahornbäumen gegangen, 2x Spitz- und 2x Feldahorn, und an jedem war sie dran: Dendrothele acerina. Und alle waren reif, wenngleich einige Sporen bereits eingefallen waren. Vermutlich war es zu warm und sonnig, sodass die Fruchtkörper bzw. deren Sporen weggetrocknet sind.
Die anderen Merkmale waren auch schön zu erkennen: Dendrohyphidien, Basidien (viersporig), auffällige Zystiden (dickbauchig mit apikal auswachsendem, dünnem Hals)... Die Hyphen hatten eindeutig Schnallen (mehrfach gesehen). In der nordischen Cortflora steht "ohne Schnallen". Hier wurde die Art aber für den Standard des Werkes sehr schlecht bearbeitet (keine Septen gezeichnet...). Vermutlich wurden sie übersehen. Gorjon & Bernicchia haben ebenfalls Schnallen gesehen und gezeichnet. Insofern sollte man, wenn man die nordische Corti-Flora verwendet, dort die Beschreibung ausbessern.

Man muss zurzeit also nur herausgehen und alte Ahornbäume anschauen, die die typischen Rindenschuppen besitzen...

Ich habe auch die Eichen "kontrolliert" und nur an einer einzigen eine Dendrothele finden können. Sie wuchs zusammen mit Hysterium pulicare. Witzigerweise habe ich die beiden an Eiche bisher nur zusammen gefunden, also die Dendrothele, wenn auch Hysterium an der Borke wuchs (Hysterium ist häufiger).
Leider war die Dendrothele nicht reif, aber es müsste Dendrothele alliacea sein (ist so aber nicht bestimmbar). Ich werde den Baum in einer Regenperiode erneut ansteuern, damit ich reife Fruchtkörper habe. Einzelne Basidien hatten vier Sterigmen, aber noch keine Sporen.

Also: Wer Lust hat, diese interessante Gattung kennenzulernen, muss nur nach alten Ahorn schauen. An Feldahorn ist die Trefferquote, einen mit Dendrothele zu finden, vermutlich über 90%. Und jetzt sind sie auch reif ^^.

LG
Christoph
« Letzte Änderung: 24. Februar 2010, 21:13 von Christoph »
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Offline Christoph

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Antw: Dendrothele acerina - leicht bestimmbar, kaum kartiert...
« Antwort #8 am: 19. Februar 2010, 01:19 »
Hallo Wolfgang,

noch ein Nachtrag:

Ich bin über weitere Artikel gestolpert:

Piątek M. (2001): Dendrothele griseocana (Fungi, Basidomycetes), a species new to Poland, with a key to the genus Dendrothele in Europe. Polish Botanical Journal 46(1): 83-88.

Hier das Abstract:

Zitat
Dendrothele Höhn. & Litsch. em. Lemke is a little-known genus represented by fungi growing on the bark of living trunks. In Europe 12 species of the genus are known, four of which have been known from Poland. Dendrothele griseocana (Bres.) Bourd. & Galz. is now reported as new to the country. The morphology of Polish specimens of D. griseocana, its ecology and general distribution are discussed. A key for determination all European species is provided.
- Quelle: http://www.ib-pan.krakow.pl/ibwyd/pol-b-j/pbj-46-1.htm#16

Hast Du den Artikel?

Und noch ein (englischsprachiger) Beitrag über Corticioide Pilze aus Weißrussland mit Zeichnungen und Beschreibungen von Dendrothelearten, auch von D. griseocana (aus der Zeitschrift Mycena):

http://www.mycena.org/Vol.7/Mycena7_20-47.pdf
 
LG
Christoph
« Letzte Änderung: 19. Februar 2010, 01:25 von Christoph »
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Offline Christoph

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Antw: Dendrothele acerina - leicht bestimmbar, kaum kartiert...
« Antwort #7 am: 19. Februar 2010, 00:29 »
Hallo Wolfgang,

wir haben zeitgleich geschrieben  ;) Danke für die Zusatzinfos!

Den Nakasone-Beitrag über D. griseocana habe ich als Link unten angegeben. Der aktuelle Artikel von Gorjon & Bernicchia interessiert mich sehr. Da ich nicht mehr an der Uni bin, muss ich mal schauen, wer die Zeitschrift besitzt...

Ich mache immer Herbarbelege von Dendrothele, da ich die Dinger ja auch mikroskopiere - dann lohnt sich auch das Trocknen  ;). Dass Dendrothele acerina auch kleine Papillen bilden kann, habe ich öfters beobachtet. Ich habe aber noch keine grauen Kollektionen gefunden. Bei meinem heutigen Fund waren die Basidien eindeutig viersporig (und sie war ja auch weiß). Ich habe aufgegeben, in der normalen Saison D. acerina zu mikroskopieren. Im Spätwinter hingegen habe ich wenig Probleme, die wichtigen Strukturen zu finden. So auch die Cystiden, Basidien etc.

Nakasone (2006) gibt die Sporenmaße für D. griseocana wie folgt an:
10-12 x 8-10 µm, also ganz anders als Jülich & Co. , also extrem breit elliptisch. In dem Fall wäre eine Unterscheidung ja auch möglich. Fragt sich, woher Jülich seine Maßangaben hernimmt.

Dendrothele ist irgendwie eine interessante Gattung - und stimmt: um die Arten exakt zu analysieren, muss man sehr viel Geduld haben.

Zum Glück lassen sich typisch weiße Dendrothelen leicht bestimmen (nach jetzigem Kenntnisstand).

Zitat
Deinem begrüßenswerten Aufruf zur Kartierung von D. acerina würde ich also noch die Empfehlung anfügen, von den Nachweisen nicht nur ein Kreuzerl im Kartierungsraster zu machen, sondern auch Herbarbelege!

Herbarbelege sind ohnehin wichtig für die Kartierung, insbesondere dann, wenn mehrere Arten makroskopisch identisch aussehen können. Volle Zustimmung!

Liebe Grüße
Christoph
« Letzte Änderung: 19. Februar 2010, 00:31 von Christoph »
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Antw: Dendrothele acerina - leicht bestimmbar, kaum kartiert...
« Antwort #6 am: 19. Februar 2010, 00:19 »
Hallo Ingo,

freut mich, dass Dir der Beitrag gefällt! Nachdem Wolfgang nachgehakt hat, habe ich mal eben gegooglet, ob es neue Publikationen gibt. Uns siehe da:

http://ddr.nal.usda.gov/bitstream/10113/30141/1/IND44216413.pdf

http://www.pnwfungi.org/pdf_files/manuscripts_volume_4/naf20097.pdf (Dendrothele in Nordamerika, mit Fotos, Zeichnungen etc. und vielen Literaturzitaten...

Und ganz aktuell, 2010, ist ein Artikel in der Nova Hedwigia erschienen, von dem ich nur das Abstract einsehen kann: http://www.ingentaconnect.com/content/schweiz/novh/2010/00000090/F0020001/art00012

Falls jemand zufällig die Nova Hedwigia hat, wäre ich sehr an dem Artikel interessiert...

Liebe Grüße (und viel Erfolg bei der Suche)
Christoph
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Offline Wolfgang D.

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Antw: Dendrothele acerina - leicht bestimmbar, kaum kartiert...
« Antwort #5 am: 19. Februar 2010, 00:17 »
Hallo Christoph,

auf deinen Beitrag bin ich aufmerksam geworden, weil mich die Unterscheidung von D. acerina und D. griseocana teilweise ziemlich beschäftigt und verwirrt hat. Makroskopisch scheint es Übergänge zu geben (Farbe, Papillen), und mikroskopisch sind die Dinger nicht leicht zu zerpflücken und zu analysieren, abgesehen von den sehr ähnlichen Sporen. Oft findet man auch keine schönen Basidien und kann die Anzahl der Sterigmen nicht feststellen. Zu allem Überfluss wurde ja immer wieder auch eine 4-sporige "Form" von D. griseocana zitiert. Letztlich konnte ich, trotz einiger ockergrauer, warziger Aufsammlungen, D. griseocana bei uns noch nicht eindeutig nachweisen. Das macht mich auch skeptisch in Bezug auf verschiedene floristische Verbreitungsangaben auf der Basis der gängigen Bestimmungsliteratur. Ein Nachweis von D. griseocana würde mich aber umso mehr interessieren, weil das sozusagen eine halb-österreichische Art ist: der Typus von D. papillosa, einem Synonym, stammt nämlich aus dem Raum Wien.

Die Spezialliteratur zu Dendrothele weltweit ist aufgrund der Artenzahl (auch neue Arten) und der diffizilen Merkmale faszinierend und frustrierend zugleich. Zum Glück ist das in Mitteleuropa bisher anscheinend noch überschaubar - aber wer weiß, was sich auf den Baumborken so alles als "D. acerina" tarnt ...

Zum Schlüsseln habe ich primär verwendet:

Boidin, J., Lanquetin, P., and Duhem, B. 1996. Contribution à la connaissance du genre Dendrothele (Basidiomycotina, Aphyllophorales). Bull. Trimest. Soc. Mycol. Fr. 112: 87–126.

Spezielle Studie zu D. griseocana:

Nakasone, K.K. 2006. Dendrothele griseocana (Corticiaceae) and related taxa with hyphal pegs. Nova Hedwigia, 83(1): 99–108

So schaut es in Italien aus:

BERNICCHIA, A.: The genus Dendrothele Höhn. & Litsch. in Italy. - Nova Hedwigia, 51(3-4): 453-458, 1990

Mit der brandaktuellen Neuauflage (die ich selbst noch nicht kenne):

Gorjón, Sergio P.; Bernicchia, Annarosa, 2010: The genus Dendrothele (Basidiomycota) in Italy, an update with notes on European species. - Nova Hedwigia 90: 233-250

Also Nova Hedwigia ist in dem Fall eine Fundgrube, ich denke, du hast ja Zugang.

Deinem begrüßenswerten Aufruf zur Kartierung von D. acerina würde ich also noch die Empfehlung anfügen, von den Nachweisen nicht nur ein Kreuzerl im Kartierungsraster zu machen, sondern auch Herbarbelege!

LG
Wolfgang






Offline Ingo W

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Antw: Dendrothele acerina - leicht bestimmbar, kaum kartiert...
« Antwort #4 am: 19. Februar 2010, 00:02 »
Hallo Christoph!

Prima Beitrag.
Dann werde ich doch demnächst mal sehen, ob meine Augen dafür jetzt sensibilisiert sind.

Schön, und die Verwechslungsmöglichkeiten hast du ja auch gleich mit dabei, da müsste sich doch was machen lassen.

VG Ingo W
Kleine Pilze sind auch schön, sehen bloß die wenigsten!

Offline Christoph

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Antw: Dendrothele acerina - leicht bestimmbar, kaum kartiert...
« Antwort #3 am: 18. Februar 2010, 23:08 »
Hallo Wolfgang,

zum einen den guten, alten Jülich (Kl. Kryptogamenflora), dann natürlich die Corticiaceae of Northern Europe und Nordic Macromycetes vol. 3.

Gibt es neuere Literatur zur Gattung Dendrothele?

LG
Christoph
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Offline Wolfgang D.

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Antw: Dendrothele acerina - leicht bestimmbar?
« Antwort #2 am: 18. Februar 2010, 23:02 »
Hallo Christoph,

was nimmst du denn als Referenz für die Unterscheidung der Dendrothele-Arten?

LG
Wolfgang

Offline Christoph

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Dendrothele acerina - leicht bestimmbar, kaum kartiert...
« Antwort #1 am: 18. Februar 2010, 22:06 »
Servus beinand,

das schöne Wetter zog mich heute nach draußen in den Wald. Ich war eigentlich auf der Suche nach Clitopilus daamsii und eventuell der ersten Pseudoplectania nigrella, aber ich fand keine gammeligen Buckeltrameten in meinem Hauswald und der Boden war noch zu sehr schneebedeckt, um den Schwarzborstling zu finden...

Dafür bin ich zielstrebig auf einen Feldahorn zugegangen, um mal auf dessen Borke zu schauen. Und siehe da, natürlich war er voll mit Dendrothele acerina.




Ich habe mal in die Onlinekartierung geschaut - und siehe da, nur zwei Personen haben den auffälligen Pilz bislang in Bayern kartiert: Peter Karasch (die meisten Punkte) und meinereiner. Das lässt sich ändern!

Wie erkennt man Dendrothele acerina?

Auf Ahorn, insbesondere am Feldahorn (aber auch auf anderen Ahornarten) findet man immer wieder Rindenschuppen, die scheinbar mit weißer Kreide oder Kalkfarbe überzogen sind. Ist im Weiß ein Hauch von grün mit dabei, ist es meist eine Flechte, was im Mikroskop an den Asci und den Algen kenntlich ist.
Sieht man im Mikroskop erstmal gar nichts, sondern nur Tausende kleiner Kristalle und Luftbläschen, ist man richtig. Der Fruchtkörper besteht aus Dendrohyphidien (bäumchenartig verzweigte Hyphenenden), deren feine Ästchen mit Kristallen besetzt und hydrophob sind. Dazwischen verstecken sich die Basidien. Die Sterigmen schauen aus dem Kristallgewusel heraus und dann kann man mit etwas Glück die Sporen finden. Meist sind die Basidien aber nur als Basidiolen im Wartezustand...

Ich habe am häufigsten im Spätwinter Glück, wenn es taut. Dann scheint die Dendrothele wie wild zu sporulieren. Der Pilz an sich ist ganzjährig zu finden.

Um das Mikroskopieren kommt man (leider) nicht herum, denn mit Dendrothele alliacea gibt es einen Doppelgänger. Diese Art wächst zwar meist an Eiche, kann aber auch an Ahorn fremdgehen und sieht makroskopisch identisch aus.

Wer also Dendrothele an Eiche findet, möge auch hineinmikroskopieren, da auch Dendrothele acerina fremdgehen kann.

Wie unterscheidet man beide Arten?

D. acerina:
Sporen breit elliptisch, 10-13 (-15) x 7-10 µm, etwas dickwandig (gut in Immersion zu erkennen)

D. alliacea:
Sporen schmal elliptisch, 11-15 (-17) x 6-7 (-8) µm, auch etwas dickwandig.

Die übrigen Gattungsvertreter sollen nicht so kreideweiß sein.

Ich habe aber bislang keine anderen Dendrothelen finden können.



Hier noch ein paar weitere Arten der Gattung:

Auch an Acer und Quercus:
Dendrothele dryina - Sporen allantoid, 16-22 x 8-10 µm

Dendrothele commixta (meist an Quercus)
Sporen 8-11 x 5-8 µm

Dendrothele griseocana (gern an Weide)
Sporen 7,5-11 x 6-8 µm, Basidien 2-sporig
(Maße 9-11 x 7-8 µm laut Gorjon & Bernicchia 2010,
und 10-12 x 8-10 µm nach Nakasone 2006)

Aber wie gesagt: Nur Dendrothele acerina und D. alliacea sind so extrem kreideweiß. An Ahorn habe ich bisher nur D. acerina gefunden. Trotzdem muss man immer mikroskopieren. Da aber die Sporen alleine reichen, ist es eine Sache von vielleicht 2 Mintuen (wenn der Überzug reif ist).

Jetzt ist genau die Reifezeit - also raus in den Wald, frische Luft in die Lungen und ein Stückerl weiß überzogene Borke mit nach Hause nehmen, kurz anmikroskopieren und einen neuen Fundpunkt für Dendrothele acerina in die Kartierung eingeben... Man kann die Art gezielt suchen - einfach nach Feldahorn schauen, der schon deutlich Borkenschüppchen hat...

Viel Spaß beim Kartieren,

Christoph

Edit: Maße bei D. griseocana ergänzt)
« Letzte Änderung: 25. Februar 2010, 11:33 von Christoph »
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