Autor Thema: Agaricus abruptibulbus und Agaricus essettei, beide in Europa  (Gelesen 111 mal)

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Offline Christoph

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Re: Agaricus abruptibulbus und Agaricus essettei, beide in Europa
« Antwort #3 am: 20. Februar 2021, 01:37 »
Servus Helmut,

gern geschehen. Ich bin ja Lebenszeitabonnent der Mycologia und breichte daher gerne von aktuellen Artikeln daraus, die anderen nicht so einfach zugänglich sind.

Hybridisierungen bei Großpilzen sind bekannt, so z.B. bei Flammulina. Das macht die Artkonzepte nicht gerade einfacher. Ob das bei Agaricus auch der Fall ist, weiß ich nicht. Es ist halt eine irgendwie doch recht merkmalsarme Gattung. Die Merkmale, die gut erkennbar sind (z. B. Velumverhältnisse) sind dann entweder bei vielen Arten gleich oder (wie z. B. Farbe) hochvariabel.

Und anatomsich gibt es auch nicht sooo viel anzuschauen. Wer weiß, vielleicht gibt es dich anatomische Merkmale, die bisher nicht beachtet wurden.

Bei den Anisegerlingen sind die geentischen Abstände zwischen den beiden Schiefknolligen wie gesagt recht groß. Sie haben andere, nah verwandte Arten um sich. Das ist ja das erstaunliche.

Der Spaß an der Feldmykologie... Ich denke, das hält sich die Waage. Einerseits ist die aktuelle Genetik eine Renaissance der Makroskopie (plötzlich kann man evaluieren, welche Merkmale aussagekräftig sind), denn man kann in manchen Gruppen doch makroskopisch mehr machen, als man früher dachte. Auf der anderen Seite gibt es eben dadurch auch (zumindest aktuell) Artenaggregate, die klassisch nicht aufgetrennt werden können.

Xeromphalina campanella - nicht bestimmbar...
Agrocybe praecox - nicht bestimmbar (war vorher schon klar, durch Kreuzungstests)

usw.

Spannende Zeiten. Und wenn man eben nicht mehr im Gelände s. str. bestimmen kann, dann eben s. l. - sind nur zwei Buchstaben mehr ;-)

Liebe Grüße,
Christoph
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Offline Helmut

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Re: Agaricus abruptibulbus und Agaricus essettei, beide in Europa
« Antwort #2 am: 19. Februar 2021, 19:34 »
Servus Christoph,
danke für Deine immer wieder interessanten Hinweise. Ich frage mich da schon, wo denn nun tatsächlich die Art-Grenzen liegen. Greifen da nicht Prozentwerte der genetischen Übereinstimmung zu kurz? Spielen vielleicht auch Hybridisierungen eine Rolle? Also sozusagen "Zwischenarten"?
Ein ganz anderer Aspekt: Wenn verschiedene Arten makro- und mikroskopisch nicht mehr unterschieden werden können, müssen wir aufpassen, dass uns der Spass an der Feldmykologie nicht verloren geht.
Gruß Helmut

Offline Christoph

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Agaricus abruptibulbus und Agaricus essettei, beide in Europa
« Antwort #1 am: 17. Februar 2021, 00:17 »
Servus beinand,

ich habe eben schon ein Agaricus-Thema gestartet. Hier nun ein zweites.

Ganz aktuell wurden 9 neue Anisegerlinge aus China beschrieben:
Bin Cao, Mao-Qiang He, Zhi-Lin Ling, Ming-Zhe Zhang, Sheng-Long Wei & Rui-Lin Zhao (2021): A revision of Agaricus section Arvenses with nine new species from China, Mycologia, 113:1, 191-211, DOI: 10.1080/00275514.2020.1830247

Auch hier: interessant sind für Europäer meist die Stammbäume (mittlerweile Multigen-Stammbäume - ITS allein bringt da nicht so viel).

Was immer wieder überrascht und hier bestätigt wird: so extrem ähnliche Arten wie Agaricus essettei und Agaricus abruptibulbus sind im Stammbaum recht weit entfernt voneinander entfernt. Wird weltweit betrachtet, kommen Arten dazu, die zeigen, dass beispielsweise diese beiden "Schiefknolligen Anisegerlinge" zu unterschiedlichen, kleineren Artengruppen gehören.

Was dabei auch interessant ist: Agaricus abruptibulbus wurde auch in China bzw. Asien nachgewiesen. Er kommt also in der gesamten Nordhalbkugel vor. Agaricus essettei scheint (nach bisherigem Wissen) auf Europa beschränkt zu sein.

Nur: wie unterscheide ich die beiden voneinander, wenn ich nicht sequenzieren will? Wie kann man sowas überhaupt kartieren? Wohl nur als Aggregat.

Beruhigend ist, dass Agaricus sylvicola, der Dünnfleischige Anisegerling, noch weiter weg steht. Zumindest diese Art traue ich mir zu, auf klassischem Weg erkennen zu können, aber bei Agaricus muss man wohl alle Aussagen auf die Goldwaage legen.

Auch hier: es bleibt spannend. Und bei den Anisegerlingen immer unübersichtlicher.

Liebe Grüße,
Christoph

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