Autor Thema: Dialonectria diatrypicola an Diatrype bullata  (Gelesen 306 mal)

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Offline Christoph

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Dialonectria diatrypicola an Diatrype bullata
« Antwort #1 am: 21. März 2020, 14:36 »
Servus beinand,

gestern habe ich das schöne Wetter für einen kleinen Spaziergang in den Wald genutzt - bewaffnet mit Kamera und Stativ. Ich habe gezielt eine alte Salweide aufgesucht, die ich immer wieder mal genauer nach Pilzen absuche (insbesondere ihre am Boden liegenden, alten Äste).

Natürlich fand ich sofort Diatrype bullata, das "Blasige Eckenscheibchen" (der Name ist verwirrend, denn die Scheibchen haben, wie auch viele andere Diatrype-Arten, eben keine Ecken... nun ja...). Und am Rand der Stromata bzw. auch auf ihnen drauf waren viele, kleine, rote Fruchtkörper eine Nectria s.l.:


Man kann gut die vielen, dunkelroten Ascomata vomn Dialonectria diatrypicola sehen, vor allem am Rand der Stromata der Diatrype bullata (20.3.2020, Mammendorf, an am Boden liegendem Ast von Salix caprea)

Die Arten rund um Dialonectria episphaeria waren bislang ja praktisch nicht bestimmbar. Mittlerweile wurden die Arten aud Diatrype und Diatrypella aber berarbeitet - Lechat et al. (2019). Werner Edelmann hat mich freundlicherweise auf den Aufsatz hingewiesen, weshalb ich diesmal aus Neugierde diese kleine "Nectria" mitgenommen habe.

Es ist schon länger bekannt, dass an Diatrype bullata eine Dialonectria aus dem D. episphaeria-Formenkreis wächst, die aber für D. episphaeria s.str. zu große Fruchtkörper mit zu dicker Gehäusewand und zudem zu große Sporen aufweist. Bei Asco-Sonneberg wird sie als "Nectria diatrypicola nom. prov. bezeichnet: http://asco-sonneberg.de/pages/gallery/nectria-diatrypicola-100322-01xs7091.php

Dank der Bearbeitung von Lechat et al. (2019) kann man diese Art aber offenbar recht einfach bestimmen.

Die Gattung wird durch die Nebenfruchtform definiert (vom Fusarium-Typ, die nah verwandte Gattung Pseudocosmospora vom Acremonium-Typ). Jetzt war die Nebenfruchtform aber nicht am Substrat, weshalb ich mich auf die Makromerkmale der Gattung stürze: Gehäuse in KOH violett werdend, Sporen zweizellig,  jung farblos-hyalin, reif hellbraun. Bei der Artengruppe um D. episphaeria sind die Sporen deutlich warzig.


Ascoma von Dialonectria diatrypicola - mit dem Lichtmikroskop in Auflicht bei 100x Vergrößerung, daher leider kaum Tiefenschärfe, man kann aber ein bisserl was erkennen...


Ascomata von Dialonectria diatrypicola (auch per Mikroskop) - man kann gut den dunklen Apex einiger Ascomata erkennen. Kleine ausgezogene Spitzen sind auch typisch


Spore von Dialonectria diatrypicola - typisch warzig und bräunlich pigmentiert (und natürlich zweizellig, zudem recht groß für die Gattung)

Das passt alles - und auch der Wirt, Diatrype bullata.

Ich habe bei meinem Fund Sporenmaße von 10,25-12,7-14,25 x 6,25-6,5-7 µm

Lechat et al. (2019) geben an: (11–)12–12,5-13(–14) × 6–6,5-7,2 μm

Das passt sehr gut, insbesondere die Mittelwerte. Asco-Sonneberg gibt noch etwas größere und breitere Sporen an, was die Maximalwerte angeht.

Auch typisch für die neu beschriebene Art sind die für die Gruppe relativ großen Ascomata mit dicker Gehäusewand (bis 30 µm und dicker), während z.B. D. epsiphaeria nur maximal 22 µm dicke Gehäuse ausbildet.


Dialonectria diatrypicola - Gehäusewand ca. 30 µm dick (man muss 5% abziehen, da mein Messokular nicht ganz 1:1 misst)

Die neu beschriebene Art war ja vorher schon bekannt - da überrascht es nicht, dass sie sofort nach der Neubeschreibung mehrfach gefunden wurde. So wird sie aus dem Massif Central gemeldet: http://www.fauneflore-massifcentral.fr/mycologie/dialonectria-diatrypicola-lechat-j-fourn-gardiennet-2019.html
Oder aus Großbritannien: https://groups.io/g/sussexfungusgroup/topic/the_importance_of_keeping/33115751?p=,,,20,0,0,0::recentpostdate%2Fsticky,,,20,2,0,33115751 (mit Anmerkung, wie gut es ist, wenn man Herbarmaterial aufhebt ;-). Der besagte Fund wird hier ausführlich vorgestellt: http://fungi.myspecies.info/all-fungi/dialonectria-diatrypicola

Aus Deutschland ist die Art wie gesagt auch schon länger bekannt - so wird sie auch aus dem Ruhrgebiet (Bochum) als "Nectria diatrypicola nom. prov." gemeldet: http://www.pilzkunde-ruhr.de/fundliste_boevinghausen_2017.htm

In Bayern kommt sie ebenfalls vor. Ich vermute, dass man mit Fundmeldungen Verbreitungskarten füllen kann - der Pilz war vorher nur nicht bestimmbar oder lief immer als "Nectria episphaeria agg." in den Listen.

Achtet also mal auf rote "Nectrien" an Diatrype bullata. D. diatrypicola kommt wohl auch auf Diatrype stigma s.l. vor - jedenfalls steht das so im (sehr kurzen) Protolog: "Diagnosis: similar to Dialonectria diatrypellicola but differs by smaller ascospores and occurrence on effete stromata of Diatrype bullata and D. stigma." - Lechat et al. (2019: 6). Seltsamerweise geben sie unter dem untersuchten Material aber nur Funde an Diatrype bullata an. Entweder haben die Autoren mindestens einen Beleg von D. stigma vergessne anzugeben oder sie haben im Protolog eine unbelegte ökologische Angabe... jedenfalls bedeutet das, dass man Funde an Diatrype stigma ganz genau mikroskopieren sollte - und dokumentiert werden sollte, damit dieser Wirt auch nachgewiesen ist.

Ich empfehle allen, die sich für diese Nectrien interessieren, den Aufsatz von Lechat et al. (2019) zu studieren. Dort werden noch weitere Arten beschrieben bzw. abgegrenzt.

Liebe Grüße,
Christoph

Literatur:
Lechat C, Fournier J, Gardiennet A (2019): Three new species of Dialonectria (Nectriaceae) from France. Ascomycete.org 11(1) : 5–11. doi 10.25664/ART-0251
« Letzte Änderung: 21. März 2020, 14:49 von Christoph »
Argentum atque aurum facile est laenamque togamque mittere, boletos mittere difficile est
(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)