Autor Thema: Christophs Russula-Portrait Nr. 1: Russula foetens  (Gelesen 72 mal)

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Offline Christoph

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Re: Christophs Russula-Portrait Nr. 1: Russula foetens
« Antwort #2 am: 12. August 2019, 01:07 »
Servus beinand,

ich möchte nur kurz erklären, warum ich den Thread-Titel geändert habe :D. Ich habe ja ein bisserl begonnen, mich intensiver mit der Gattung Russula auseinanderzusetzen. Und da die Mikromerkmale, zumindest die der Sporen und der Pileocystiden / der HDS relativ gut mit meiner "Technik" (per Handy durchs Okular des Mikroskops zu fotografieren) darstellen lassen, möchte ich ähnlich wie bei einem Blog hier diverse Russula-Arten vorstellen, die ich bestimmt habe oder die ich meine, bestimmt zu haben.

Die Russula foetens soll da der Startpunkt sein. Die in einem anderen Thread von mir vorgestellte Russula insignis werde ich in dieser "Reihe" später nochmal ausführlicher darstellen. Natürlich sind Rückmeldungen immer sehr gerne gesehen. Dazu gehören natürlich auch Zweifel an der Bestimmung, Gegenvorschläge (etc.) genauso wie Bestätigung oder die Ergänzung von Dingen, auf die ich nicht geachtet habe... Die jeweiligen Threads können also sehr gerne - wie es in einem Forum auch sein sollte - zur Diskussion anregen und auch als Ort für selbige dienen.

Von allen vorgestellten Funde (jedenfalls die erste, vorgestellte Kollektion) werden Belege angefertigt und später in einer öffentlichen Sammlung hinterlegt.

Sollte ich z.B. Russula foetend später selber nochmal finden und die Zeit haben, diese ausführlich zu dokumentieren, werde ich das dann jeweils wieder in dem jeweiligen Thread machen. Updates können folglich immer wieder erfolgen, nur muss dann nicht immer wieder ein neuer Beleg gemacht werden (finde ich).

Wer daraus nun schließen möchte, dass ich ein "Russula-Spezialist" sei, dem möchte ich aber sofort den entsprechenden Zahn ziehen. Natürlich habe ich auch früher schon die eine oder andere Russula näher betrachtet und auch bestimmt. Dennoch fühle ich mich hier als Einsteiger, weshalb ja auch Rückmeldungen so willkommen sind.

Portrait Nr. 2 wird Russula grata sein - also noch ein Vertreter der Untergattung Ingratula. Selbstredend dürfte sein, dass ich auch ganz banale Arten (wie z.B. Russula vesca etc.) hier vorstellen werde. Vielleicht kommt es aber auch mal zu einem wirklich interessanten Fund, den ich vorstellen kann.

In diesem Sinne liebe Grüße,
Christoph
« Letzte Änderung: 12. August 2019, 01:13 von Christoph »
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(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)

Offline Christoph

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Christophs Russula-Portrait Nr. 1: Russula foetens
« Antwort #1 am: 7. August 2019, 22:33 »
Russula Portrait Nr. 1: Russula foetens Pers.: Fr.

Fundort: Deutschland, Bayern, Oberbayern, Lkr. Fürstenfeldbruck, Gemeinde Moorenweis, westlich des Ortsteils Purk, Wald nahe "Maierhof".

Funddatum: 30. Juli 2019,
leg. C. Hahn, det. C. Hahn, conf. Griesbacher N.

Beleg-Nr.: CH2019073001


Die Makroskopie ist großteils aus den Fotos hoffentlich ersichtlich:











Hier sieht man u.a., warum ich diesen Pilz als sehr schön empfinde. Dieser Hutrand ist für mich ein kleines Kunstwerk:



Das Fleisch war im Schnitt cremeweiß ("warmes Weiß") und hat nur sehr langsam etwas gebräunt (ein bisserl wie ein Apfel, aber nicht so intensiv), mit KOH (20%) wurde es nur etwas gelblich und auch nach längerer Zeit nicht dunkler:



Die Stieloberfläche reagierte sofort und sehr intensiv mit Guajak.

Die Stielbasis wurde mit KOH orangebräunlich, an der Stielspitze tat sich praktisch nichts mit KOH:





Der Geschmack war (für einen Chilli-Esser) angenehm scharf - also eine deutliche, starke Schärfe. ;-)
           
Die Huthaut war stark schleimig und auch nach Abkratzen des Fleisches unterm Deckglas kaum zu quetschen - sie rutscht immer seitlich raus wie es bei Gallertpilzen normal ist. Ich musste ein sehr kleines Stückerl nehmen, um dann den Skalp mikroskopieren zu können.

Der Geruch war unangenehm, schwer zu umschreiben, etwas käsig, aber dazu undefinierbar "seltsam" (sorry, sonst bin ich immer ganz gut mit Geruchskomponeten).

Das Sporenpulver ist für mich IIc nach Romagnesi (der Abwurf erscheint auf Glas erst recht hell, schiebt man ihn aber zusammen und drückt ein wenig mit einem zweiten Objektträger (ich klemme den Anwurf gerne zwischen zwei Objektträger), so ist er klar gelb.

Die Sporen messen (6,5-) 7-7,8-8,75 x 5,75-6,25-6,75 (-7,25) µm; Q = 1,15-1,26-1,4; das Sporenornament besteht aus meist einzel stehenden, dicken Stacheln, die nur selten an der Basis zusammenfließen; Ornament bis 1,25 µm hoch, im Okular über die 1 µm-Linie hinausreichend.



Die Pileocystiden sind 3,75-5,25 µm breit (30-63 µm lang bei denen, die ich vermessen hatte):



Sie reagieren erkennbar mit SV, aber nicht sehr stark (ein deutlicher Grauton - siehe Fotos):



Viele Pileocystiden haben ein kleines, gern etwas gestrecktes Knöpfchen.

Die Ökologie:
ausgewachsene Buchen und Kiefern (keine Fichte in der Nähe) auf saurem Boden. Begleitarten (an der Stelle, aber nicht am gleichen Tag): Neoboletus erythropus, Russula ionochlora.

Ich habe mit Einhellinger, Sarnari und Marxmüller verglichen und auch den Schlüssl von Bon konsultiert - es passt eigentlich sehr gut auf Russula foetens, aber die Sporen sind einfach zu klein. Die Maße stammen vom Abwurf und parallel von der Lamelle (sind beide gleich).

Nun gut, Russula subfoetens kann man ausschließen - KOH-Reaktion, Fleischfarbe, zu hohes Sporenornament, Huthaut zu gallertig-schleimig - aber für Russula foetens sind die Sporen zu klein. Was macht man also, wenn man den Fund nicht sofort in ein Forum (bzw. in dieses Forum hier) stellt? Man fragt einen Spezialisten. In diesem Fall meinen Freund Norbert Griesbacher. Er hatte auch wegen der Sporenmaße gestutzt, hat aber - vorbehaltlich möglicher andersweitiger Ergebnisse z.B. nach Sequenzierung - den Fund ebenfalls als Russula foetens s.str. abgesegnet. Bis auf die Sporenmaße passt einfach alles. Und die Sporenmaße sind jetzt nicht sooo weit weg von den Literaturangaben - wobei er noch keine so kleinsporgie Kollektion hatte.

Es lohnt sich also mal wieder, auch einen makroskopisch bestimmbaren Pilz genauer unter das Mikroskop zu legen. Der Fundort ist bei mir fast um die Ecke. Ich werde also schauen, ob ich weitere Aufsammlungen von diesem Myzel (oder einem Nachbarmyzel) machen kann und werde auch da mal genau nachmessen.

Vielleicht hatte auch eine(e) der Foristi hier so eine Kollektion?

Hier geht's zum Portrait Nr. 2 (Russula grata)

Liebe Grüße,
Christoph



« Letzte Änderung: 12. August 2019, 13:29 von Christoph »
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