Autor Thema: Fund von Agaricus subfloccosus (Abgrenzung zu A. bisporus var. eurotetrasporus)  (Gelesen 264 mal)

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Offline Christoph

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P.S.:

hier noch ein - wie ich finde - ideales Bild des scheinbar hängenden Ringes, der in Wirklichkeit nach unten abziehbar ist - aus Parra (2008: 591 - fig. 122). Schön sieht man auch die safranorange Verfärbung des Fleisches.



Der dicke Pfeil zeigt den kleinen Spalt zwischen Ring und Stiel, der kleine Pfeil zeigt, wie der Ring aus dem von unten kommenden Velum universale gebildet wird. (Pfeile aus dem Original)

Genau genommen müsste man wohl sagen, dass der kleine Pfeil das Cauloblem zeigt und der dicke Ring aus Cauloblem und Pileoblem zusammengesetzt ist - das Lipsamoblem dürfte fehlen, da sonst der Spalt nicht erklärbar ist bzw. es war in sehr jungen Fruchtkörpern eventuell vorhanden, reißt aber vom Stiel ab...

Hinsichtlich dieses komplexen Ringaufbaus sind Agaricus subfloccosus und Agaricus bisporus gleich. Daran kann man die beiden innerhalb der Sektion Bivelares gut erkennen. Die Abgrenzung zueinander ist halt etwas schwierig.

Am Zuchtegerling müsste jeder diesen Ring selbst nachvollziehen können - einfach kaufen und aufschneiden  :D


Die Begriffe Cauloblem, Pileoblem, Lipsanoblem verwende ich nach Clemencon (z.B. im Beiheft 12 zur Z. Mykol., Großpilze im Mikroskop - abolut lesenswert!).


Liebe Grüße,
Christoph

« Letzte Änderung: 2. Juni 2019, 16:14 von Christoph »
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(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)

Offline Christoph

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Servus beinand,

bei einem Abendgassigang (Freitag Abend) mit meiner Hündin Tapsie hatte ich eine Gruppe Champignons entdeckt, die am Wegrand fruktifzierten. Grund genug, nochmal mit Kamera und Stativ hinzufahren. Also bin ich gestern los und habe den Fundort aufgesucht. Im Moment herrscht hier eine schwüle Hitze, sodass etwas Eile angesagt war, bevor die Fruchtkörper überaltern oder weggefressen werden.

Diesen Fund möchte ich gerne vorstellen und die Abgrenzung, soweit möglich, von Agaricus bisporus var. eurotetrasporus diskutieren.

Hier erstmal zwei Fotos:





Das Velum universale ist sehr flockig, aber deutlich ausgeprägt. Es bildet auf dem Hut Hüllreste, die an Amanita erinnern, also kleine Flockenpusteln in cremegelblichweiß. Der Hut ist relativ glatt, bildet nur sehr deutlich anliegende, faserige Schuppen, die nicht sehr kontrastieren (etwas Grau ist mit drin bei alten Schlappen).
Der Stiel ist zylindirsch mit einer kleinen, aber deutlichen Basalknolle, die basal abgerundet ist. Eine Volva ist nicht ausgeprägt, man erkennt aber das Velum universale durch feineflockige Velumgürtel/-zonen. Oberhalb des Rings ist der Stiel relativ glatt. Die Stielbasis zeigt teils deutliche, weiße Rhizomorphen.
Der Ring ist jung scheinbar hängend, aber in Wirklichkeit nach unten abziehbar, also aufsteigend - sprich: das Velum universale ist Hauptanteilsträger des Rings:



Parra (2008) hat das schön abgebildet - ich zeige das Merkmal an seiner Abbilung von Agaricus bisporus, der den gleichen Ringtyp besitzt:


Parra (2008: 271, fig 36H - Pfeil von mir)

Der dicke Ring ist am Stiel innen nach oben gebogen, aber es gibt eine kleine Unterbrechung zwischen Ring und Stiel, die sich beim Ausreifen bildet. Zieht man vorsichtig am Ring, so kann man ihn nur nach unten abziehen, nicht nach oben.






Hier sieht man, dass der Ring nach unten abziehbar ist und v.a. aus dem Velum universale besteht


Hier sieht man gut die Hüllreste oben auf dem Hut

Das Fleisch verfärbt sich bei jungen Fruchtkörpern safranorange wie der Safranschirmling (habe ich erst gesehen, als ich den Dörrex bestückt hatte; die, die ich für die Fotos aufgeschnitten hatte, waren schon "zu durch" und verfärbten rotbraun. Die mehr safranorange verfärbenden Fruchtkörper dunkeln aber auch zu einem braunrot nach. Weder Fleisch noch Hut reagieren mit KOH.


(Keine KOH-Reaktion)

Der Stiel fleckt übrigens auch bei purem Anfassen. Die Stielbasis zeigt teils deutliche, weiße Rhizomorphen.
Der Geruch ist sehr intensiv, nach Zuchtchampignon mit der üblichen Maggikomponente. Auch die alten Schlappen der Kollektion rochen noch sehr angenehm würzig.

Aufgrund des nach unten abziehbaren Rings hatte ich im Gelände auf Agaricus bisporus getippt. Wer mit Ludwig (2007) bestimmt, muss aufpassen, denn laut Ludwig (2007) hätte Agaricus bisporus einen hängenden, nach oben abziehbaren Ring, was nicht stimmt. Auch die Abbildungen im Ludwig (2007) sind hier teils zu hinterfragen, da der Ring jeweils (bewusst?) herabhängend gezeichnet wurde.

Im Mikroskop erkennt man direkt 4-sporige Basidien.


(Die Basidien ziegen die gleiche Nekropigmentierung wie ich dies von Agaricus bisporus kenne.)

Also nicht Agaricus bisporus?

Es gibt aber mit Agaricus bisporus var. eurotetrasporus auch eine viersporige Varietät. Diese teilt sich mit Agaricus subfloccosus so viele Merkmale, dass Parra (2008) die ITS als Beschreibungsmerkmal mit reinnimmt und auch im Schlüssel mit der ITS schlüsselt!

Kann man die beiden dann überhaupt klassisch trennen?

Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Ich kann da ja auch nur die Beschreibungen interpretieren. Parra (2008) gibt an, die Cheilocystiden seien bei Agaricus subfloccosus länger und breiter als bei A. bisporus var. eurotetrasporus. Ich habe extra einen älteren Fruchtkörper auf die Cheilocystiden hin untersucht... die Schneide ist natürlich steril und komplett mit Cheilocystiden besetzt, aber die Maße schließen A. bisporus var. eurotetrasporus bei meinem Fund nicht aus. Ich messe 28 - 50 x 7- 13 µm bei dem hier vorgestellten Fund.



Parra (2008) schlüsselt für A. bisporus var eurotetrasporus: Cheilocystiden 15-48 x 7-13(-19) µm
und für Agaricus subfloccosus gibt er an: Cheilocystiden 25-58(-77) x 10-17 µm

Die breite passt also bei meinem Pilz besser auf Agaricus bisporus var eurotetrasporus. Allerdings zweifle ich die Aussagekraft ein wenig an - die Größe scheint variabel zu sein - man sehe auch die Klammerwerte... die Form - meist keulenförmig, ist bei beiden gleich.

Wo aber ist der Unterschied dann festzumachen? Das flockige Velum können beide haben und Agaricus bisporus mit Hüllresten am Hut gibt es...

Schauen wir die Sporen an:
Ich messe bei meinem Fund 5,5-6,2-7,0(-7,5) x 4,25-4,75-5,0(-5,75) µm
Q = 1,15-1,31-1,5



Auffällig sind die oftmals sehr breitellipsoiden bzw. subglobosen Sporen. Und sie sind ziemlich klein.

Parra (2008) gibt für die beiden Arten an:
A. bisporus var. eurotetrasporus: 6-6,95-8(-8,5) x 4,2-5-5,5(-6) µm; Q = 1,29-1,38-1,5
A. subfloccosus: 5,5-6,3-7(-7,5) x 4-4,65-5,2(-5,8) µm; Q = 1,15-1,35-1,56

Schauen wir in die Originalbeschreibung von Agaricus bisporus var. eurotetrasporus (Callac et al. 2003):
[Q = (1.2–) 1.36–1.41–1.45 (–1.7)], (5.7–) 6.3–7.5 (–8.5) x (4–) 4.5–5.3 (–6) µm, the mean 6.9 x 4.9 µm, two collections, N = 120 for each.

Die Sporen sind also einen Tick kleiner bei Agaricus subfloccosus und im Quotienten etwas kleiner - das passt sehr gut zu meinem Fund.

Die Verfärbung in Richtung safranorange habe ich bei "normalen" Agaricus bisporus var. bisporus noch nicht gesehen, wobei ich da einschränken muss, dass Callac et al. (2003) genau das auch für Agaricus bisporus var. eurotetrasporus so angeben. Das Merkmal kann man also auch nicht zur Trennung heranziehen.

Zusammengefasst:
Die Makroskopie mit dem sehr flockigen Velum universale passt sehr gut, schließt aber Agaricus bisporus var. eurotetrasporus nicht aus (nur sollte dieser nur relativ kleine Fruchtkörper ausbilden, während A. subfloccosus auch kräftig sein kann - wie bei meinem Funf mit Hutdruchmesser bis 15 cm - aber auch da befürchte ich eine recht grpße Variatioinsbreite...
Die Sporenmaße und vor allem die Form (Q-Wert) scheinen allerdings die beiden Taxa aber zutrennen, ohne sequenzieren zu müssen.

Man muss aber auch auf Agaricus bisporus var. eurotetrasporus achten. Ginge man nach Ludwig (2007), so würde auch jeder Fund von Agaricus bisporus var. eurotetrasporus als Agaricus subfloccosus angesprochen werden, da er hier nach Abziehbarkeit des Rings geht , was Ludwig falsch angegeben bzw. interpretiert hat: die beiden unterscheiden sich hier nicht - beide haben einen nach unten abziehbaren Ring!

Und wie kommt man überhaupt auf die Sektion, um dann zu schlüsseln?!

Hier geht es recht einfach... Ich habe die Schaeffer-Reaktion nicht getestet (habe kein Anilin zuhause), aber die Kombination "Ring nach unten abziehbar", "KOH-Reaktion negativ", "Fruchtkörper nicht gilbend", "Fleisch rötend bzw. rotbraun verfärbend", "Velum universale deutlich ausgeprägt, am Stiel mit Bändern" lässt nur noch zwei Sektionen zu: Agaricus sect. Bivelares und Agaricus sect. Chitonioides.
Letztere enthält Arten mit deutlicher Volva und basaler Stielknolle, die aber nach unten zugespitzt ist und nicht abgerundet oder der Stiel wird nach unten hin immer dünner, der Ring sitzt tief (eben: Volva).

Der zylindrische Stiel mit der basal gerundeten Knolle und der recht weit oben sitzende Ring führen in die Sektion Bivelares. Hier führt der nach unten abziehbare Ring (und: nur ein Ring) in die Artengruppe um Agaricus bisporus / Agaricus subfloccosus.

Nebenbei angemerkt: Agaricus subfloccosus bildet zwar viersporige Basidien, soll sich aber nur selbst befruchten, hat also auch keinen (oder kaum) Genaustausch... Daher kann man ihn gut züchten, was auch schon geschehen ist. Ob man ihn auch bei uns als Kulturegerling kaufen kann, weiß ich aber nicht.

Der Fundort ist östlich von Mammendorf, an der Straße / dem Waldweg von der B2 nach Galgen, direkt am Wegrand.

Liebe Grüße,
Christoph

Literatur:

Callac P., Jacobé de Haut I., Imbernon M., Guinberteau J., Desmerger C. & Theochari I. (2003): A novel homothallic variety of Agaricus bisporus comprises rare tetrasporic isolates from Europe. Mycologia (95: 2): 222-231, DOI: 10.1080/15572536.2004.11833107

Ludwig E. (2007): Pilzkompendium. Bd. 2. Die größeren Gattungen der Agaricales mit farbigem Sporenpulver (ausgenommen Cortinariaceae). Bild- und Textband.

Parra L.A.P. (2008): Agaricus L. Allopsalliota Nauta & Bas Tricus Agariceae S. Imai Part I.


« Letzte Änderung: 2. Juni 2019, 17:49 von Christoph »
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