Autor Thema: Kartierungsexkursion vom 27.1.2019 ins NWR Seeholz (z.B. Mycena belliarum)  (Gelesen 457 mal)

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Offline Schorsch

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Servus,
Nachtrag zum Porling. Ich habe heute im Forstenrieder Park einen praktisch identischen Pilz gefunden.
Es war eine Anis-Tramete (Trametes suaveolens).
Wahrscheinlich im Seeholz dasselbe. Bei Porlingen vergesse ich immer wieder auf den Geruch zu achten.
Griaseich Schorsch
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Offline UmUlmHerum

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Hallo Schorsch,
hier noch ein paar ganz junge Judasohren, die sogar kugelrund und weißlich sind, obwohl sie seitlich aus dem Hollunder kommen. Aufgenommen am 16.11.18.
Viele Grüße – Rika

Offline Christoph

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Servus Schorsch,

Ciboria amentacea kann übrigens auch an Corylus vorkommen, scheidet aber wegen der Sporenmaße aus. Jetzt bin ich kein Ascomyzetenspezialist, aber die Sporenmaße kommen doch gut hin für Ciboria coryli. Sehr schöner Fund, auch wenn die Art im Seeholz recht häufig sein müsste (und Haseln gibt es ja im Seeholz bzw. am Waldrand des Seeholzes).

Der Porling - dazu sage ich nach dem Foto nichts Genaues. Für Trametes pubescens ist er mir zu groß und ich kenne Trametes pubescens kleiner, dafür den ganzen Ast/Stamm überziehend, also mit vielen Fruchtkörpern am Substrat. Da sie sehr schnell von Pilzkäfern befallen wird, zerfällt sie alsbald zu Staub. Ich denke eher an einen großen Tyromyces oder einen Oligoporus - der Fäulnistsyp würde hier helfen (Braunfäulne, dann Oligoporus).

Das Judasohr war ja nicht hypogäisch, sondern hypolignisch (oder so, also am Holz unterseits). Ich finde de oft in dieser Form an Buche - und in Gelbenholzen hatten wir da alle Übergänge bis hin zum Ohrwaschl.
Exidia recisa ist ein reiner Luftraumbesiedler, wächst also an ansitzenden Totästen und wäre am Boden nur zu finden, wenn diese gerade abgebrochen sind. Dann gehen die Fruchtkörper aber bald über den Jordan.
Ich habe heute ein paar Kreiseldrüslinge fotografiert. Die Konsistenz ist ganz anders, die Fruchtkörper fast durchsichtig, sie sind viel zarter - und wachsen nicht unterseits an liegendem Holz, während Judasohren auch unterseits rauskommen können - denen ist es wurscht, ob der Ast liegt oder ansitzt, Hauptsache, es istz feucht genug.
Exidia recisa ist im Moment an fast allen älteren Salweiden - nur meist zu einem dunklen Fleck eingetrocknet, da die Sonne doch stark reinknallte.

Liebe Grüße,
Christoph
« Letzte Änderung: 23. Februar 2019, 19:23 von Christoph »
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(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)

Offline Schorsch

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Servus,
als Nachtrag zum Seeholz. Ich war diese Woche am 21.02.2019 dort und habe neben den bereits erwähnten Arten noch drei gefunden, die mir wirklich Kopfzerbrechen bereitet haben.
An einem Stamm neben einer eindeutigen Buckeltramete noch ein Porling, den ich als Samtige Tramete (Trametes pubescens) angesprochen habe.




An einem halb im Boden vergrabenen Ast (vermutlich Buche, da noch Hypoxylon fragiforme zu erkennen war) saßen an der Unterseite – also im Humus – kreiselförmige  Fruchtkörper, die ich nicht einordnen konnte. Ein Freund, meinte es könnte sich um Exidia recisa handeln. Christoph hat ihn anhand des Fotos als  Judasohr (Auricularia auricula-judae) bestimmt. Durch den hypogäischen Wuchs eine etwas ungewöhnliche Wuchsform Ich kannte das Judasohr auch in jungem Zustand nur mit eindeutiger Becherform.



Das dritte Schwammerl, das ich vorstellen möchte, habe ich Vorort als Erlenkätzchen-Becherling (Ciboria amentacea) angesprochen. Zuhause am Mikroskop waren die Sporen mit 15,5 – 18 µ „zu groß“. Die Maße passen eher zu Haselnuss-Becherling (Ciboria coryli) nach Ascomyceti d’Italia bestimmt. Erlen standen herum, den Haselnussstrauch muss ich wohl übersehen haben. Oder ist jemand anderer Meinung?
Leider verwiesen alle Links auf Ciboria-Schlüssel auf eine nicht mehr zugängliche norwegische Website.




Weniger Schwierigkeiten macht die Bestimmung des Stacheligen Krustenhöckerpilz (Eutypa spinosa). Daneben ist der am Entstehen von Giraffenholz beteiligte Ahorn-Kohlenkrustenpilz Eutypa maura im Seeholz ein häufiger Kernpilz.

Schönes Wochenende noch
Schorsch

PS: Außerdem habe ich noch die Hymenochaete rubiginosa (Dicks.) Lev. = Umberbraune Borstenscheibe zu melden; allerdings ohne Foto, da ich sie schon schöner fotografiert habe.
« Letzte Änderung: 23. Februar 2019, 18:38 von Schorsch »
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Offline Christoph

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Servus Johann,

aber gerne doch - vielen Dank für die Bilder! Ich stelle gleich weitere von deinen Aufnahmen hier rein (hatte ich ja schon angekündigt...). Falls noch jemand von der Exkursion Fotos haben sollte - jeder kann natürlich auch selber hier Fotos dazustellen...  ;)

Also hier weitere Fotos von Johann:


Blick über den wunderschönen Ammersee - und zu rechter Hand das Habitat von Mycena belliarum


Piptoporus betulinus - Birkenporling (die wachsen erst frisch im Herbst, überwintern und wachsen im Frühjahr weiter - in Sommer und Herbstanfang sind es dann alte Schlappen - also eine ganz interessante Phänologie.


Trametes gibbosa - Buckeltramete (leider haben wir an alten. überständigen Exemplaren nicht Clitopilus daamsii gefunden, der diese bevorzugt als Substrat nutzt)


Demarkationslinien erscheinen uns als Kunstwerk - für Pilze sind das Frontzonene ihres Kampfes gegeneinander, der teils gnadenlos geführt wird


Der Spaltblättling - Schizophyllum commune - ist potentiell humanpathogen.


Judasohren - Auricularia auricula-judae - gibt es in jedem Buchenwald, wenn genug Totholz vorliegt.


Coriolopsis gallica - sehr häufig an Esche und im Seeholz entsprechend weit verbreitet.


Nochmal Coriolopsis gallica.





Schee war's im Seehoiz...

Liebe Grüße,
Christoph

« Letzte Änderung: 23. Februar 2019, 18:50 von Christoph »
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Offline Johann S

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Hallo Christoph, besten Dank für das Einstellen.
Gruß und Servus.
Johann 

Offline blacky

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Lieber Christoph,
besten Dank für den ausführlichen Bericht und die geleistete Arbeit. Leider konnte ich diesmal nicht selber dabei sein. Umso schöner den Bericht zu haben.
LG
Thomas
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Offline Christoph

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Hallo zusammen,

am 27.01.2019 war es wieder so weit Ammersee veranstaltet. Die Leitung der Exkursion habe ich übernommen. Da die Zahl der Mikroskopierer sehr übersichtlich war, liegt die Nacharbeit bei mir. Daher sind nicht alle Pilze abgesichert, da ich sie erstmal auf den Dörrex gelegt habe.

Die Fotos des Berichts stammen von Johann Rejek und mir (alle Fotos ohne Angabe des Fotografen sind von mir).

Mit dem Wetter hatten wir Glück - der Dauerfrost war vorüber, es wurde im Lauf der Wanderung dann doch recht mild und angenehm und der Wald war bereits so gut wie schneefrei. Ideale Bedingungen also, zumal es nur ganz kurz minimal geregnet hat und dann trocken blieb - Fotografieren war also auch möglich.

Januarwanderungen sind natürlich etwas extrem, aber da hat man genug Zeit, sich um die Schwammerl zu kümmern, die man sonst vielleicht gar nicht beachtet. Jedenfalls waren wir zu Zehnt und sind bestgelaunt in den Wald gegangen.

Das Seeholz ist ein Naturwaldreservat, für das im seenahen Bereich absolutes Betretungsverbot gilt. Wir haben allerdings eine Betretungs- und Sammelgenehmigung, da der Verein ein mehrjähriges Kartierungsprojekt beantragt und genehmigt bekam. Wer sich beteiligen möchte (als Sammler und Bestimmer), kann mir gerne Bescheid geben - ohne Genehmigung rate ich aber dringend ab, in diesem tollen Gebiet zu "wildern".

Gleich am Anfang, direkt beim Parkplatz, lag schon ein Eichenast auf dem Boden, der natürlich sofort genauer betrachtet wurde - und dann gleich als Fotomotiv dienen konnte...


(Foto: Johann Rejek)

Zu sehen war Radulomyces molaris, ein häufiger Kronenraumbesiedler der Eiche. Nach Sturm oder wie hier nach Schneebruch findet man die Furchtkörper auch am Boden, wo sie dann recht bald absterben.



Natürlich gab es viele relativ banale Pilze zu sehen, die aber trotzdem ihren Reiz haben können. Die Oberflächenstruktur dieser Phelbia ist einfach umwerfend:



Man erkennt auch hier die Art, wenngleich die düsteren faerben verwirren könnten. Sucht man aber ein bisserl, so findet man auch junge, leichtend orange gefärbte Bereiche der Phlebia merismoides:



Besonders freue ich mich aber über diese Phaeotremella an Hainbuche:



Es sollte sich dabei um Phaeotremella frondosae handeln. Allerdings war der Wirt nicht klar, denn es konnte kein Stereum an dem besiedelten Ast gefunden werden. Dafür gab es Bjerkandera adusta und Steccherinum spec. an selbigem, was aber nicht wirklich passt. Der Fund wird natürlich noch nachmikroskopiert - ich hoffe nur, dass ich Sporen finden werde, da es ja eine eingefrorene Leiche ist. Da der Fruchtkörper nicht geschwärzt ist und auch nicht an Erle wächst, gehe ich als Arbietsname von Phaeotremella frondosae aus.

Natürlich gab es auch Winterpilze:


(Foto Johann Rejek)


(Foto Johann Rejek)

Im Moment heißt der Fund nur Flammulina velutipes agg. - ich werde schauen, ob ich Näheres sagen kann. Dafür muss der Pilz absolut sporenreif sein.

Zudem gab es (neben Austernpilzleichen) auch die obligatorischen Gelbstieligen Muschelseitlinge:


(Foto Johann Rejek)


(Foto Johann Rejek)

Der Eichenwirrling ist ja bekanntermaßen ein Massenpilz im Seeholz:


(Foto Johann Rejek)


(Foto Johann Rejek)


(Foto Johann Rejek)


(Foto Johann Rejek)

Das letzte Bild ist natürlich sehr "exotisch". Der Pilz sieht hier wie eine zu weitlöchrige Antrodia albida aus (die ja auch Braunfäule verursacht - da kann man stolpern). Die Hutansätze, die man am Foto erkennen kann, sind aber oberseits typisch für den Eichenwirrling. Ich vermute, hier hat jemand große Fruchtkörper entfernt und das, was man hier sieht, ist dann nachgewachsen.

Jetzt hatten wir die Bahnlinie überschritten und haben nochmal eine kurze Fundbesprechung eingekegt, bevor es ins Allerheiligste ging:


(Foto Johann Rejek)


(Foto Johann Rejek)

Man muss dazu sagen, dass wir sehr lange bis dort gebraucht haben. Insofern rief schon ein bisserl die Wirtschaft... aber einen Pilz wollte ich unbedingt nachweisen: Mycena belliarum. Die AMIS hat diesen Helmling, der nur im Winter vorkommt und an Schilfstängeln knapp über dem Wasser wächst, diesen Winter am Waginger See gefunden. Man braucht Gummistiefel, denn er wächst nicht an Landschilf, sondern nur an Wasserschilf.
Wir hatten den Vorteil, dass in der Schilfzone des Ammersees noch immer Eis war, sodass wir auf der Eisfläche nach den Helmlingen suchen konnte. Etwas problematisch war, dass der immense Schnee von heuer das Schilf geknickt und auf den Boden gelegt hat. Aber schon bei der ersten Stichprobe wurden wir nach sehr kurzer Suchzeit fündig. Und jede weitere Stichprobe an unterschiedlichen Stellen ergab Funde. Mycena belliae dürfte im gesamten Schilfgürtel am Uferbereich des Seeholzes häufig sein.
Gut zu wissen, denn es gibt nicht viele Seen, an denen der Winzling nachgewiesen wurde.

Normalerweise kann und darf man die Schilfzonen ja nicht betreten - mit Genehmigung und wenig Personen (und somit minmalem Impact) geht das zum Glück.

Nebenbei bemerkt - bei der letzten Exkursion im Juni 2018 waren wir auch dort, um die letzten Weiden am / im See wegen des Niedrigwassers nach Pilzen abzusuchen und fanden dort einen spannenden Risspilz, zu dem Hias Dondl hoffentlich mehr schreibt (im dazu gehörigen Thread...).

Hier jetzt aber die Fotos des durch Dauerfrost und Schnee mitgenommenen, aber immer noch halbwegs fotogenen Schilf-Helmlings:








Weitere Fotos und Updates werde ich im Laufe der Zeit hier noch einbauen  ;)

Hier die Artenliste (das Layout werde ich vielleicht irgendwann hinbekommen)

Art   Substrat / Wirt
Ascocoryne sarcoides (NFF)   Fagus
Ascodichaena rugosa   Fagus
Auricularia auricula-judae   Fagus
Bjerkandera adusta   Fagus
Bjerkandera fumosa   Fagus
Byssomerulius corium   Fagus
Calocera cornea   Fagus
Coriolopsis gallica   Fraxinus
Daedalea quercina   Quercus
Exidia nigricans   Fagus
Flammulina velutipes agg.   Fagus
Fomes fomentarius   Fagus
Ganoderma applanatum   Fagus
Hymenochaete rubiginosa   Quercus
Hypomyces aurantiacus   Polyporus badius
Hypoxylon fragiforme   Fagus
Irpex lacteus   Fagus
Jackrogersella confluens   Fagus
Lenzites betulinus   Fagus
Mycena belliarum   Phragmites
Nectria cinnabarina s.l.   Fagus
Panellus stipticus   Quercus
Peniophora limitata   Fraxinus
Phaeotremella frondosae   Carpinus, bei Bjerkandera adusta und Steccherinum
Phlebia merismoides   Fagus
Phlebia tremellosa   
Piptoporus betulinus   Betula
Pleurotus ostreatus   Fagus
Plicatura crispa   Corylus
Polyporus badius   Fagus
Polyporus brumalis   Fagus
Radulomyces molaris   Quercus
Sarcomyxa serotina   Fagus
Schizophyllum commune   Fagus
Schizopora flavipora   Fagus
Stereum hirsutum   Fagus
Trametes gibbosa   Fagus
Trametes hirsuta   Fagus
Trametes versicolor   Fagus
Tubaria hiemalis   
Tuber aestivum    Quercus
Vuilleminia comedens   Quercus
Xylaria hypoxylon   Fagus
Xylaria longipes   Acer

Liebe Grüße,
Christoph
« Letzte Änderung: 23. Februar 2019, 18:50 von Christoph »
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