Autor Thema: Achtung Pilzberatung bei Egerlingen - Stielbasisregel greift nicht mehr!  (Gelesen 411 mal)

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Offline Christoph

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Achtung Pilzberatung bei Egerlingen - Stielbasisregel greift nicht mehr!
« Antwort #1 am: 18. September 2018, 22:51 »
Hallo zusammen,

jeder kennt sie, die "Agaricus-Stielbasis-Regel": Giftige Egerlinge erkennt man daran, dass sie in der Stielbasis rasch chromgelb anlaufen. Champignons ohne Stielbasis werden daher folgerichtig meist gar nicht weiter in der Pilzberatung angesehen.

Diese Regel ist nun nicht mehr so so sicher anwendbar, denn es gibt bei uns mittlerweile giftige Egerlings-Arten, die nicht oder nicht immer in der Stielbasis röten!

Ich fange mit dem Falschen Wiesenegerling, Agaricus pseudopratensis an. Renate hatte Egerlinge von einem Südhang (Innleite, bei Marktl / Simbach) mitgebracht. Sie waren in der Stielbasis völlig unauffällig, röteten leicht, aber erkennbar im Fleisch und rochen durch den Transport bereits leicht nach Karbol. Hier ein paar Fotos von der Kollektion (alle Fotos von Renate, die sie freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat):








Dieses Bild stammt aus der Ausstellung - es sind alles Fruchtkörper der gleichen Kollektion

Die Kollektion ist noch nicht mikroskopiert - die Bestimmung daher noch ein Arbeitsname, aber der Geruch und die Merkmale sind recht klar - jung kräftig rosa Lamellen, Ring dünn, empfindlich, leicht abreißend, nicht gilbend (in der Originaldiagnose von Bohus steht, dass er nicht in der Stielbasis gilbt - später hat er dann auch gilbende Kolektionen in das Artkonzept aufgenommen, der Typus gilbte aber nicht) - passt alles sehr gut. Die Art kommt von rein weiß wie hier bis braunschuppig vor.

Witziger- oder erschreckenderweise kamen Montag vor einer Woche Exemplare von Agaricus pseudopratensis in die Münchner Pilzberatung. Helmut Grünert kannte die Art von der Ausstellung (und hat ohnehin viel Agaricus-Erfahrung, auch aus Sardinien) und sortierte sie aus. Hier kam der Pilz aus dem Raum Passau, also nicht weit von Renates Fundort entfernt - und auch hier eine Südhanglage mit sehr heißem Kleinklima.

Ich selbst hatte Agaricus pseudopratensis vorher erst einmal gehabt - aus Österreich, Südhanglage. Ich vermute, die Art breitet sich aus und profitiert von den heißen Sommern.

Eiune zweite Art ist problematisch: Agaricus freirei. Die Art ist sehr nah mit dem Rebhuhnegerling, Agaricus phaeolepidotus, verwandt, gilbt aber gar nicht. Kurz gesagt - sie sieht aus wie ein Waldegerling, riecht aber im Wald nicht und später nach Karbol.
Bislang hatte ich die Art nur in Südfrankreich und Italien verortet (bzw. auch Spanien). Jetzt ist aber bei pilze-deutschland ein Fundpunkt westlich von Berlin eingetragen.
Die Art ist also auch in Deutschland angekommen - wenn richtig bestimmt. Und wenn nicht, dann wird sie noch kommen.

Kurz zusammengefasst:
Es gibt giftige Champignons, die nicht gilben! Als Pilzberater muss man daher zukünftig noch mehr aufpassen.

Liebe Grüße,
Christoph
« Letzte Änderung: 18. September 2018, 23:27 von Christoph »
Argentum atque aurum facile est laenamque togamque mittere, boletos mittere difficile est
(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)