Autor Thema: Diplodia sapinea - ein häufiger Pilz an Kiefern  (Gelesen 2052 mal)

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Offline Christoph

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Re: Diplodia sapinea - ein häufiger Pilz an Kiefern
« Antwort #5 am: 5. April 2020, 13:29 »
Servus Dirk,,

sehr gerne doch! Die Sporen sind (laut der Literatur, denn mir fehlt die direkte Erfahrung mangals Eigenfunden) zu breit für Diplodia scrobiculata.

Phillips et al. (2013) geben für D. scrobiculata an: 37,5–39,5-41,5 x 13–14–15,5 μm,

für Diplodia sapinea s. str. hingegen (25,5–)30,5–40,8-52,5(–54) × (10–)12,5–15,5-20(–21) μm

Mich würde daher bei der von dir angegeben Konidienbreite nicht wundern, wenn du nicht doch noch längere Konidien finden würdest. Es ist schade, dass Phillips et al. (2013) keine Sporenquotienten angeben. Vielleicht wäre das auch eine Unterscheidungsmöglichkeit.

Was Sequenzierung angeht - das macht lässt man machen. Es gibt Firmen, die anbieten (natürlichen gegen Bezahlung), die zu übernehmen. Wären die Konidien deinies Fundes jetzt auch so schmal wie für Diplodia sapinea angegeben, dann würde sich das lohnen. Durch die Sequenzierung kann man in solchen Fällen, in denen bereits Vorstudien viele Arten genetisch geprüft haben, eine Bestimmung leicht absichern. Man muss ja nur den Pilz (die Fruchtkörper) einschicken. Das Material sollte gut getrocknet sein, das heißt nicht zu heiß, aber bei fleischigen Arten auch nicht zu langsam, damit die DNA nicht kaputt geht, sondern durch das Trocknen fixiert ist.

Ich habe in der neuen Österr. Zeitschrift für Pilzkunde einen Fund eines Stachelings gemeinsam mit Irmgars und Gernot publiziert. Wir hatten zwei frische Aufsammlungen. Eine wurde sofort getrocknet, die andere wegen dem Testen von Fleischverfärbungen, geruchsentwicklung (usw.) etwas liegen gelassen. Bei der zweiten Aufsammlung gab es Probleme bei der Sequenzierung, während es bei der ersten problemlos klappte.

Ist alles kein Hexenwerk, nur klappt die Sequenzierung nicht immer, je nach Qualität der Probe.

Liebe Grüße,
Christoph

P.S.: ich liebe Phragmotrichum chailletii - die Sporen sind im Mikroskop echt ein Erlebnis. Sehe ich immer wieder gerne - ein tolle Aufnahme!
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(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)

Offline Jonny70

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Re: Diplodia sapinea - ein häufiger Pilz an Kiefern
« Antwort #4 am: 5. April 2020, 13:11 »
Hallo Christoph,

vielen Dank für deine rasche und fundierte Antwort.

Ich hatte mir mangels Frischpilzen, bei uns ist es wieder sehr trocken und noch mit leichten Nachtfrösten,
zwei Fichtenzapfen, Kiefernzapfen und ein paar Nadeln mitgenommen und diese feucht gehalten.
Da kommt jetzt allerlei zu Tage und dass macht natürlich Spaß. ;)
Leider sind diese Arten für mich fast alle neu und die meiste Literatur in neudeutsch. :(
Dein Schlüssel hat da doch schon mal weitergeholfen. Danke fürs Übersetzen

Die gemessene Sporen betragen:
Sporen [95% • 14 •     • v • H2O(nat) ] = 27,5 - 35,4 - 43,3  x  12,4 - 15,6 - 18,8 µm

Ich werde mich die Tage nochmal an Mikroskop setzen und gezielt nachsehen.
Anbei noch zwei Sporenbilder, eins davon hat nichts mit dem Thema zu tun aber schöne Sporen.

Herzliche Grüße
Dirk

PS: Das mit dem Sequenzieren ist mir noch nicht geheuer. Ich wüsste gar nicht, was ich da machen sollte.


Offline Christoph

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Re: Diplodia sapinea - ein häufiger Pilz an Kiefern
« Antwort #3 am: 4. April 2020, 15:29 »
Servus Dirk,

cool - da schaut tatsächlich jemand Diplodia an  :) - freut mich sehr!
Diplodia scrobiculata scheint mehr mediterran verbreitet zu werden und an anderen Kiefernarten vorzukommen. Wie waren denn deine Maße insgesamt (mitsamt Schwankung) - meine Kollektion hat die 50 µm auch nicht geschafft (aber war nur knapp drunter). Dafür war die Konidienbreite aber passned. Diplodia scrobiculata soll ja auch schmalere Konidien besitzen.
Ansonsten wäre das ein Kandidat für eine Sequenzierung. Kostet ja nicht mehr viel ;-). Und wenn es ein Erstnachweis wäre, hätte es sich gelohnt.
Sequenzierkosten können übrigens auch übernommen werden. Die Mycologia Bavarica (als ein Beispiel) kann  Sequenzierungen übernehmen, wenn daraus ein Artikel wird (bei der Redaktion beantragen, also bei mir oder Josef). Bei der Z. Mykol. / DGfM geht das eventuell auch - einfach nachfragen, denke ich.

Wie ich sehe, sind die Konidien deiner Kollektion auch fein ornamentiert (das ist bei beiden der Fall).

Liebe Grüße (und bleib ebenfalls fit und gesund),
Christoph
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Offline Jonny70

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Re: Diplodia sapinea - ein häufiger Pilz an Kiefern
« Antwort #2 am: 2. April 2020, 22:43 »
Hallo Christoph,

ich habe heute einen Kiefernzapfen unter die "Lupe" genommen.
Ich war mir schon fast sicher Diplodia_sapinea gefunden zu haben.
Nachdem ich deinen ausführlichen Post hier gelesen habe und nach deinem übersetzten Schlüssel vorgegangen bin, müsste ich eigentlich bei Diplodia_scrobiculata gelandet sein. (Sporengröße. keine über 50ym im Durchschnitt ca. 35x 16,5ym)

Ich hänge dir mal Mikrofotos an. Das Makrofoto ist nix geworden, versuche ich morgen nochmal.

Vielen Dank für eure Meinungen.

Herzliche Grüße aus dem Saarland und bleibt Gesund

Dirk

Offline Christoph

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Diplodia sapinea - ein häufiger Pilz an Kiefern
« Antwort #1 am: 27. März 2018, 15:00 »
Servus beinand,

in Rothschwaig hatte ich am 24.02.2018 u.a. kleine, schwarze Pycnidien an Kiefernzapfen aufgesammelt. Das ist das „schöne“ an Kartierungsprojekten – man schaut sich auch Sachen an, die man sonst nicht ansehen würde:







Die Pycnidien haben sich als ein sehr häufiger und bekannter/gefürchteter Schadpilz der Kiefer herausgetsellt: Diplodia sapinea. Jetzt kenne ich mich bei Coelomyzeten eh kaum aus, aber ich kenne zumindest Sphaeriopsis visci, die nah verwandt ist – zumindest in die gleiche Familie gehört. Hilfreich für die Bestimmung war auch, dass es im EU-Forum einen Thread zu „Sphaeriopsis“ sapinea gibt.
Da ich mich wie gesagt in der Gruppe nicht auskenne, achte ich dann auf Details, da man die ja eventuell für die Bestimmung benötigt. Jedenfalls habe ich festgestellt, dass die Konidien ornamentiert sind. Erst sah es nach Warzen aus, dann doch nach Löchern. Ich meinte, das in der Seitenansicht der Konidienwand zu erkennen – sieht ein bisserl aus wie bei Ganoderma, nur nicht gar so deutlich.

Steht der Arbeitsname, kann man loslegen und recherchieren. Schließlich wurde 2003 mit Diplodia scrobiculata eine zweite Art beschrieben, die genau diese Löcher in den Sporen haben soll. Diplodia sapinea hingegen wird oft als glatt beschrieben.

Zudem wurden drei Morphotypen festgestellt (schon seit den 80er Jahren), was die Sache auch nicht einfacher macht – Typ A und C haben in Kultur ein fluffiges Luftmyzel und wachsen schnell, Typ B hat ein dichtes, nicht in die Luft wachsendes Myzel und wächst nur langsam. Typ C wiederum hat besonders große Konidien. Genetisch wurde festgestellt, dass Typ B eigenständig ist und - wie oben erwähnt – dann als Diplodia scrobiculata neu beschrieben.

Im Parallelforum habe ich das ein bisserl ausführlich dargestellt und Literaturstellen entsprechend zitiert. Für mich war insbesondere Swart et al.  (1993) wertvoll.

Ich zitiere:
Zitat
Scanning electron microscopy of world isolates

Twenty isolates of S. sapinea consistently had conidia with smooth outer surfaces (Fig. I) typical of those reported for the type-A form (Table I). The remaining thirty isolates had between 6 and 38% of conidia with small indentations, or pits, distributed either over the entire outer surface, or parts of individual conidia (Figs 2, 3).

Effect of maturity on conidial ornamentation

The age of conidia did not appear to affect the occurrence of pits in any of the four isolates examined (Table 2). Over the entire 56 d period, the two type-A isolates, CWS 60 and CWS 61, respectively had means of 19.6 and 18.4% pitted conidia.The two type-B isolates, CWS 59 and CWS 64, respectively had means of 23.6 and 18.4% of pitted conidia over the same period.

Swart et al. (1993) haben 20 Kollektionen von S. sapinea mit völlig glatten Konidien festgestellt (sie haben mit einem Elektronenmikroskop gearbeitet!). Weitere 30 Isolate hatten zwischen 6 und 38% Konidien mit kleinen Vertiefungen, Gruben, Löchern. Dieses Merkmal ist altersunabhängig, hat also nichts mit ausgeereiften vs. jungen Sporen zu tun.

Die Autoren fassen salbst zusammen (im abstract) - Hervorhenung in Fettdruck von mir:

Zitat
Authentic S. sapinea isolates, categorized as type A and type B in previous studies, were chosen for detailed examination of the effect of spore age, nutrition, and pigmentation on surface ornamentation. No distinct differences in conidial morphology between the two types were discernible between conidia of different ages, or those produced on media containing different carbon or nitrogen sources.

Man kann also sagen, dass sowohl löchrige als auch glatte Kondien bei beiden Arten auftreten. Bei weiterer Recherche bin dann auf Phillips et al (2013) gestoßen. Hier werden alle Gattungen anhand der Anamorphen ausgeschlüsselt – dies wird so praktiziert, da von allen bekannten Arten Anamorphe beschrieben wurde und diese auch in Kultur aus den Teleomorphen züchtbar sind, aber nicht von allen Arten die Teleomorphen bekannt sind.

Man kommt durch folgende Merkmale schnell auf die Gattung Diplodia: Konidien werden noch an den konidiogenen Zellen ansitzend braun, sie haben keine Keimspalte, haben kein streifiges Ornament und sind unseptiert bis vereinzelt einfach- bis zweifach septiert.

Innerhalb der Gattung Diplodia geht es dann auch recht einfach – die sehr langen und breiten Konidien sind sehr bezeichnend… man landet direkt bei Diplodia sapinea – und auch Phillips et al. (2013) geben an, dass das Ornament glatt oder löchrig ist.

Die ganze Gattung Diplodia ist laut Phillips et al. (2013) recht aggressiv – es sind endophytische Pilz, die sich im gesamten Baum ausbreiten und je nach Zustand des Baums (z.B. bei Trockenstress) Schadsymptome auslösen können. Bei Diplodia sapinea ist es die Kiefernschütte – die Nadeln sterben ab und werden schütter. Das endophytische Vorkommen im gesamten(!) Baum erklärt auch, warum der Pilz auch an den Zapfen vorkommt – er wächst am lebenden Baum hinein und bildet dann Pycnidien aus, wenn die Zapfen am Boden überwintert haben. Das gleiche macht er an abgefallenen Ästen / Zweigen / Nadeln (usw.).

Ich werde bei Gelegenheit versuchen, Fotos von den Konidien zu machen – ob es gelingt, weiß ich noch nicht (per Handy durchs Okular). Im Nachbarthread gibt’s aber viele, schöne Fotos.
Wer Lust hat, mit der Lupe nach schwarzen Pycnidien an Kiefernzapfen zu suchen (sie sind etwas unförmig), der wird schnell fündig. Und im Mikroskop sind sie wirklich sehr hübsch. Vielleicht nicht ganz so atemberaubend wie das jetzt massenhaft an Fichtenzapfen zu findende Phragmotrichum chailletii, aber dank der riesigen Konidien durchaus beeindruckend.

In der Systematik hat sich auch einiges getan – diesbezüglich empfehle ich die Lektüre von Slippers et al. (2013).

Ich habe den Gattungsschlüssel von Phillips et al. (2013) ins Deutsche übersetzt und hier zur Verfügung gestellt. Ebenso den Schlüssel der Gattung Diplodia (da habe ich beim Übersetzen minimal redaktionell eingegriffen, da die Sprünge nicht immer richtig benummert wurden - jetzt müsste es passen). Ich habe auch ein paar wenige Kommentare angefügt.

Literatur:

Phillips AJL, Alves A, Abdollahzadeh J, Slippers B, Wingfield MJ, Groenewald JZ, Crous PW (2013): The Botryosphaeriaceae: genera and species known from culture. Studies in Mycology 76: 51–167.

Slippers B, Boissin E, Phillips AJL, Groenewald JZ, Lombard L, Wingfield MJ, Postma A, Burgess T, Crous PW (2013): Phylogenetic lineages in the Botryosphaeriales: a systematic and evolutionary framework. Studies in Mycology 76: 31–49.

Swart WJ, M.J. Wingfield MJ, van Wyk P (1993): Variation in conidial morphology among geographic isolates of Sphaeropsis sapinea. Mycol. Res. 97(7) 832-838

Liebe Grüße,
Christoph
« Letzte Änderung: 27. März 2018, 15:03 von Christoph »
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