Autor Thema: Natur Natur sein lassen - ein Buchtipp  (Gelesen 817 mal)

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Offline Christoph

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Re: Natur Natur sein lassen - ein Buchtipp
« Antwort #3 am: 18. Januar 2018, 09:09 »
Lieber Thomas,

danke für die Blumen  :). Dann hoffe ich, dass dir die Lektüre gefällt. Ich bin schon sehr neugierig, wie du es findest.

Liebe Grüße,
Christoph
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(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)

Offline blacky

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Re: Natur Natur sein lassen - ein Buchtipp
« Antwort #2 am: 17. Januar 2018, 23:36 »
Lieber Christoph,
eine tolle Buchbesprechung. Dass du unter Anderem auch aus eigener Erfahrung vor Ort berichtest, macht deine Buchbesprechung noch spannender. Man will das Buch am liebsten gleich haben und deshalb werde ich es mir auch gleich bestellen.
Danke für diese klasse Buchvorstellung.
LG.
Thomas
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Offline Christoph

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Natur Natur sein lassen - ein Buchtipp
« Antwort #1 am: 17. Januar 2018, 22:27 »
Liebe Foristi,

auf folgendes Buch möchte ich hier aufmerksam machen: "Natur Natur sein lassen - die Entstehung des ersten Nationalparks Deutschlands: der Nationalpark Bayerischer Wald" von Hans Bibelriether (Lichtland-Verlag, 2017).



Hans Bibelriether war der erste Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald. Er erzählt in seinem Buch die Gründungsgeschichte - inklusive der Schwierigkeiten, in Bayern gegen den teils erbitterten Widerstand der Jagd- und Forstlobby ankommen zu müssen - des ersten deutschen Nationalparks.

Oft sind es Zufälle und glückliche Fügungen, die so eine Gründung ermöglichen. Manchmal ist es auch haarsträubend, die damaligen Argumente gegen jedwege Nationalparkidee lesen zu müssen/dürfen. Erschreckend ist hierbei, dass trotz der Erfolgsgeschichte (sowohl regional-wirtschaftlich, naturschutzfachlich als auch wissenschaftlich betrachtet) die Gegenargumente teils im Wortlaut auch heute noch immer wieder hören und lesen zu müssen.

Nutzen um jeden Preis, Nutzen ist Naturschutz, Landwirtschaft ist Naturschutz, Forstwirtschaft ist Naturschutz, ungenutzter Wald geht kaputt, Wald kann ohne menschlichen Einfluss nicht wachsen (was in meinen Augen der Brüller schlechthin als Argument ist - Wälder gab es schon vor der Menschheit) usw.

Bibelriether erzählt auch über den Wandel der Sicht auf die Natur. Früher war Wildnis meist negativ besetzt - heute ist Wildnis spannend. Prozessschutz ist heute ein Begriff, der das Herz von Naturfreunden höher schlagen lässt. Damals war der Begriff noch unbekannt.

Die Geschichte der Widerstände, der Rückschritte und des Vorankommens nachzulesen, ist, wie ich finde, äußerst spannend. Wenn man manchen Protagonisten persönlich kennt oder zumindest einen engen Bezug zum Nationalpark Bayerischer Wald hat, dann ist das sicherlich ein Grund, sich in so ein Buch gänzlich zu vertiefen. Ich denke aber, dass man auch ohne Bezug zum Nationalpark Bayerischer Wald hier eine interessante Lektüre vor sich hat.

Natürlich schreibt der Autor aus seiner subjektiven Sicht - aber auch und gerade das empfinde ich als erfrischend. Ich habe die 253 Seiten jedenfalls verschlungen.

Und ja, ich bin froh, dass es damals schon Menschen gab, die nicht aus jedem Quadratmeter unseres Landes wirtschaftlichen Profit schlagen wollen, sondern unterstützten, dass zumindest kleine Flächen aus der Nutzung genommen werden konnten, dass nicht die chemische Keule gegen Borkenkäfer eingesetzt werden musste, sondern man der Natur einfach freien Lauf lässt und ihr vertraut. Inwiefern natürlich Wintergatter für Rotwild diesem Ideal entsprechen, kann man sich sicherlich fragen. Aber auch diese Facette des Nationalparks wird beleuchtet und besprochen.

Manche Berichte lassen einem (bzw. mir) wiederum fast die Tränen in die Augen schießen. Ich wusste, dass gerade in den teils wertvollsten Altbeständen manche damaligen Revierförster kurz vor der Ausweisung als Nationalpark noch die ältesten und größten Tannen fällen ließen. Quasi als Trotzreaktion und um nochmal Geld für die Bilanz einzunehmen?! (die Stümpfe waren noch lange zu sehen - ich habe solche Tannenstümpfe noch selber gesehen)

Mit der später erfolgten Borkenkäferbekämpfung im Erweiterungsgebiet geht Bibelriether naturgemäß hart ins Gericht.

Interessant ist auch, dass Bibelriether den einen oder anderen Schmäh- und Drohbrief in seinem Buch abgedruckt hat.

Für mich war das Buch auch eine Reise in die Vergangenheit. Ich hatte den Nationalpark vor der großen Borkenkäferkalamität kennengelernt, als der Lusen noch "grün" war. Ich hatte während der Kalamität im Nationalpark geforscht und mir wurden unter der Bearbeitung Urwaldflächen quasi weggefressen. Für die Forschungsziele nicht so einfach, aber unglaublich spannend. Und da ich in der Folge viele Jahre im Nationalpark als Mykologe tätig war, habe ich dann das Politikum um "den Käfer" im Erweiterungsgebiet ebenfalls life vor Ort mitbekommen. Von den Morddrohungen und den Brandstiftungen habe ich aber nur Berichte gehört - also nur aus zweiter Hand. Umso interessanter war es, dies von Seiten des (oder eines der) Betroffenen zu lesen.

Von meiner Seite aus eine klare Empfehlung  :)

Liebe Grüße,
Christoph
« Letzte Änderung: 18. Januar 2018, 09:07 von Christoph »
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