Autor Thema: Fünf rote Hautköpfe - aktuelle Arbeit aus der Mycologia - mit Schlüssel!  (Gelesen 2783 mal)

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Offline Christoph

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Hallo zusammen,

ich hatte ja bereits einen Beitrag über Amanita thiersii aus der neuen Mycologia kommentiert. Hier nun ein Aufsatz, der uns europäischen Pilzfreunde interessieren dürfte. Es geht um die Gruppe der roten hautköpfe um Cortinarius sanguineus.

Ich hatte früher nicht einmal gewusst, dass es einen Laubwalddoppelgänger von Cortinarius sanguineus gibt... Ich vermute auch, dass früher mehrere rote Hautköpfe unter der Sammelbezeichnung "C. sanguineus" kartiert wurden.

Wie auch immer, Niskanen et. al. haben einen Aufsatz mit folgendem, bezeichnenden Titel geschrieben:

Niskanen T., Laine S., Liimatainen K. & Kytövuori I. (2012):  Cortinarius sanguineus and equally red species in Europe with an emphasis on northern European material. Mycologia 104(1): 242-253.

Interessant ist zunächst, dass die Typen von Cortinarius puniceus, C. cruentus und C. rubrosanguineus sequenziert wurden und anhand der ITS nicht trennbar sind (Bayesian statistic)!

Die Autoren schlüsseln entsprechend (nur) fünf Arten aus:

Cortinarius fervidus, C. sanguineus, C. puniceus, C. vitiosus und C. phoeniceus. Andere rothütige Arten wie z.B. C. aureifolius sind im Schlüssel nicht enthalten - vermutlich, weil sie makroskopisch zu klar von C. sanguineus s.str. trennbar sind? Die Sektion Sanguinei besteht demnach nur noch aus drei Arten (C. sanguineus, C. puniceus und C. sierraensis - letzterer wurde sequenziert, aber nicht in den Schlüssel aufgenommen, da wohl nicht europäsich - ich kenne die Art gar nicht). Die beiden weiteren Arten wurden nur wegen möglicher Ähnlichkeit mit C. sanguineus aufgeschlüsselt und analysiert.



Ich übertrage und vereinfache den Schlüssel ins Deutsche:

1. Sporen über 4,5 µm dick ............................ 2
1* Sporen schmaler als 4,5 µm ...................... 4

2. Hyphen der Lamellentrama und HDS in KOH orangerot ........... C. fervidus
2* Hyphen der Lamellentrama und HDS in KOH anilinrot .............. 3

3 Bei Nadelbäumen, Sporen realtiv dick, Q im Durchschnitt unter 1,63; Hyphen der HDS nicht inkrustiert ..... C. sanguineus
3* Bei Laubbäumen; Sporen relativ schmal, Q im Schnitt über 1,63, HDS-Hyphen mit punktartigen Inkrustationen ............................. C. puniceus

4. Hyphen der Lamellentrama und HDS in KOH orangerot, Sporen im Schnitt breiter als 4,3 µm  ........... C. fervidus
4* Hyphen der Lamellentrama und HDS in KOH anilinrot, Sporen im Schnitt schmaler als 4,3 µm .............. 5

5 Hyphen der Lamellentrama mit punktartigen Inkrustationen; Sporen mandelförmig bis ellipsoid, mäßig warzig .......... C. vitiosus
5* Hyphen der Lamellentrama nicht oder nur sehr fein inkrustiert; Sporen mandelförmig, fein warzig ..... C. phoeniceus

Den letzten Schlüsselpunkt finde ich nicht so ganz überzeugend ;-), aber C. phoeniceus ist genetisch weit von C. vitiosus entfernt. Im Artikel werden auch die verschiedenen Pigmenttypen diskutiert, da die Arten auch chemotaxonomisch teils trennbar sind.

Makroskopische Merkmale werden im Schlüssel bewusst nicht verwendet, da die Autoren diskutieren, dass "typische" Merkmale wie gelbe Stiele vs. rote Stiele variieren können, also gelbstielige Arten auch mal überpigmentiert und dann rot sein können. Zudem sollen die "roten" auch anhand von Herbarmaterial trennbar sein.

Ich fasse nur den Artikel zusammen, ohne die Schlüsse und den Schlüssel zu kommentieren. Mein Eindruck ist aber, dass hier umfassend gearbeitet wurde, was die Untersuchungsmethoden angeht. Der Schlüssel gefällt mir, da hier nach greifbaren Mikromerkmalen gearbeitet wird.

Wer den Namen Cortinarius vitiosus noch nie gehört hat, muss sich nicht wundern. Das ist eine Moser'sche Varietät des "Dermocybe" sanguinea, die die Autoren auf Arteben neu kombiniert haben - eben wegen Genetik, Pigmenten und den Mikromerkmalen. Die Art gehört ja nicht einmal zur (eng gefassten) Sektion Sanguinei.

Wenn ihr also in der nächsten Saison rote Hautköpfe findet, dann mikroskopiert einfach mal hinein und versucht mal den Schlüssel anzuwenden. Falls der Schlüssel zitiert werden soll, dann natürlich bitte das Originalzitat des Artikels aus der Mycologia verwenden!

LG
Christoph
Argentum atque aurum facile est laenamque togamque mittere, boletos mittere difficile est
(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)