Autor Thema: Clitopilus prunulus (s.str.?) mit Cheilocystiden  (Gelesen 88 mal)

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Offline blacky

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Re: Clitopilus prunulus (s.str.?) mit Cheilocystiden
« Antwort #2 am: 10. Juli 2018, 19:52 »
Schöne  Darstellung und sehr interessant Christoph. Besten Dank.
LG Thomas
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Offline Christoph

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Clitopilus prunulus (s.str.?) mit Cheilocystiden
« Antwort #1 am: 9. Juli 2018, 23:16 »
Servus beinand,

vor ein paar Tagen wollte ich schöne Fotos von Netzstieligen Hexenröhrlingen bei mir in Mammendorf machen. Zwei Prachtexemplare wuchsen heran - ich habe nur schnell mit dem Handy Fotos gemacht...:





... und kehrte dann mit Kamera und Stativ am Folgetag zurück - und beide waren abgerupft und lagen achtlos auf der Wiese.

Dann habe ich mich eben eines Räslings angenommen, der mit dem Suillellus luridus vergesellschaftet ist (am Myzel parasitiert?).

Die Lamellen des Räslings waren schön lachsgelblich, der Hut rein weiß bzw. in einem Bereich hellbraun. Im Mikroskop konnte man sehen, dass die HDS im braunen Bereich völlig kollabiert war - Hitzeschaden also und daher nur eine Randnotiz. Der Geruch war deutlich mehlig und der Geschmack auch.









Kurz gesagt: ein wirklich weißer Mehlräsling mit lachsgelben Lamellen - und noch dazu frisch gewachsen (am Vortag habe ich ihn übersehen, er kann also nicht groß gewesen sein - das Areal, um das es geht, ist sehr klein und übersichtlich, ich bin es komplett abgegangen).

Es sollte also ein "Bilderbuchexemplar" von Clitopilus prunulus s.str. sein.

Umso überraschter war ich, im Mikroskop wirklich sehr viele, auffällige, lange Cheilocystiden zu finden - also doch Clitopilus cystidiatus?


Clitopilus prunulus - Cheilocystiden


Clitopilus prunulus - Cheilocystiden

Ich habe nach Inkrustationen in der HDS gesucht - Fehlanzeige. Die HDS-Hpyhen waren allerdings recht schmal, 2-4,5 µm dick. Also nicht Clitopilus cystidiatus. Und Clitopilus paxilloides fällt auch weg (der hat u.a. deutlich inkrustierte HDS-Hyphen)

Die Sporen waren deutlich sechskantig...



... und messen (n = 18) 9,0-11,0-13,75 x 5,0-5,8-7,0 µm; Q = 1,6-1,87-2,2

Schnallen fehlen ganz brav...

Jetzt wurde mit Clitopilus chrischonensis eine weitere Art aus dem Cl.-prunulus-Formenkreis beschrieben (aus der Schweiz), die auch lange Cheilocystiden hat. Hier sollen metachromatische Hyphen im gesamten Fruchtkörper vorkommen. Nun, wenn man es sich einbildet, finde ich auch lichtbrechende Hyphen, aber überall? Und wie gut ist dieses Merkmal evaluiert? Genetisch setzt sich Cl. chrischonensis etwas ab, aber Cl. prunulus ist offenbar ein Paraphylum gegenüber Cl. chrischonensis und Cl. cystidiatus.

Wo fragt man da in seiner Not am besten nach? Klar, in Wien... ich habe im neuen Funga Austria-Forum den Pilz vorgestellt: http://www.univie.ac.at/oemykges/forum/viewtopic.php?f=39&t=50&sid=bd416e2216056ca7a7c560ae271f3d72

Irmgard (die auch hier schon aktiv wurde) hat direkt geantwortet. An dem Thema sitzt aktuell eine Diplomandin von ihr und so wie es aussieht, wird Clitopilus cystidiatus dann auch in Wien den Artrang verlieren. Jedenfalls haben sie auch in Wien rein weiße Mehlräslinge mit Cheilocystiden und die Inkrustationen verlieren wohl auch an Wertigkeit, weil sehr variabel.

Was bleibt dann? Eigentlich nur die Makroskopie - Clitopilus cystidiatus mit Grauanteil im Hut und blasseren Lamellen sowie schwächerem Geruch. Und was wird aus Clitopilus chrischonensis?

Ich finde es absolut faszinierend, wie kompliziert eine makroskopisch leicht und sicher ansprechbare, seit langem bekannter "Art" - der "Mehlräsling" - im Detail hochkompliziert sein kann. Dass Clitopilus prunulus im Kühlschrank bei langer Lagerung auch "Cheilocystiden" bekommt (auswachsende Basidien / Hyphen an der Schneide), ist ja klar. Aber wenn schon frische, junge Exemplare das "Merkmal" zeigen können, ist es wirklich wenig bis nichts (in der Artengruppe) wert.

Ich werde dennoch weiter auch Mehlräslinge mikroskopieren und bin gespannt auf die Diplomarbeit und eventuell daraus entstehende Artikel in Fachzeitschriften.

Liebe Grüße,
Christoph

« Letzte Änderung: 9. Juli 2018, 23:20 von Christoph »
Argentum atque aurum facile est laenamque togamque mittere, boletos mittere difficile est
(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)