Autor Thema: Schwammerlsuche und Naturschutz - Gedanken zur Egli at al. - Studie  (Gelesen 303 mal)

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Offline Christoph

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Servus Schorsch,

danke für den Link. Dann kann jeder im Original nachlesen - Diskussionsbeiträge sind herzlich willkommen  :)

Liebe Grüße,
Christoph
Argentum atque aurum facile est laenamque togamque mittere, boletos mittere difficile est
(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)

Offline Schorsch

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Gfrei di, dass regnt, wei wenns di net gfreist, regnts aa. (nach Karl Valentin)

Offline Christoph

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Lieber Thomas,

vielen Dank für die nette und positive Rückmeldung!

(wollte ich nur kurz sagen)  ;)

Liebe Grüße,
Christoph
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Offline blacky

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Lieber Christoph,
Erstmal vielen vielen Dank für die viele Arbeit, die du dir gemacht hast und ich kann mir gut vorstellen, welchen Aufwand du hier betrieben hast. Machst du zwar öfter, aber es muss einfach mal gesagt werden.
Was die Entnahme von Pilzfruchtkörpern betrifft kann ich deine Meinung nur ohne Wenn und Aber voll unterstreichen. Ich selbst kann nicht verstehen, dass jemand Zweifel hegt, dass bei einer Entnahme -ich sage es mal ganz pauschal- von seltenen Pilzen hier kein Schaden oder zumindest eine erhebliche Gefahr entsteht. Wer hier fahrlässig handelt, ist für mich kein Naturfreund. Auch wenn es jetzt, etwas nicht ganz zur Sache gehörig erscheint, muss ich an folgenden Satz denken, weiß aber nicht mehr von wem dieser stammt:  Die Menschen bezeichnen jene Pflanzen als Unkräuter, von denen sie noch nicht wissen, für was sie von Nutzen sind.
Es wird oft ein aus meiner Sicht gefährliches Spiel getrieben, nach dem Motto, erst muss bewiesen werden, dass etwas schädlich ist, dann kann man es immer noch lassen. Nein, genau umgekehrt ist es, es muss ohne jeden Zweifel erst bewiesen werden, dass etwas nicht schädlich ist. Solange dies nicht geschieht, oder ein Beweis (noch) nicht möglich ist, hat es zu unterbleiben.
Falls ich dazu komme, möchte ich meine Ausführungen noch vertiefen, aber ich wollte eine möglichst zeitnahe Stellungnahme abgeben.
Ich weiß, dass ich hier nicht konkret auf die  Studie eingegangen bin, aber auch für diese gelten selbstverständlich  die grundsätzlichen Forderungen.
Sei herzlich gegrüßt.
Thomas
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Offline Christoph

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Hallo zusammen,

im Thema über die Trüffeln Spaniens wurde die Studie von Egli et al. (2006) angesprochen. Hier erstmal das Zitat der Arbeit zum Nachrecherchieren:

Simon Egli, Martina Peter, Christoph Buser, Werner Stahel, Francois Ayer (2006): Mushroom picking does not impair future harvests – results of a long-term study in Switzerland. Biological Condervation 129: 271–276.

Es wurden zwei Flächen untersucht, eine davon zwischen 1977 und 2003 (mit vier Jahren Unterbrechung), die andere vonm 1990 bis 2000, also zehn Jahre lang.

In der Langzeitfläche ab 1977 wurden 5 Flächen zu je 300 m2 in drei Plots zu je 10 x 10 m unterteilt. Hier wurden drei unterschiedliche Methosen angewandt: Sammeln der Pilzfruchtkörper durch Abschneiden, Sammeln durch Pflücken und Kontrolle, d.h. nicht sammeln.

Es wurde also der Einfluss der Sammelmethode (Pflücken oder Schneiden) und das Sammeln an sich im Vegleich zur Kontrolle untersucht. Hierbei gab es 5 Parallelen (5 Flächen).

In der kürzer untersuchten Fläche wurden je 14 Teilflächen zu je 13 x 13 m beprobt, die wiederum in vier 6,5 x 6,5 m-Plots unterteilt wurden. Hier wurde jeweils eine andere Besammlungsmethode angewandt: 
Pflücken mit Betreten der Fläche, Pflücken ohne Betreten der Fläche, nicht Ernten aber Betreten der Fläche, weder Ernten noch Betreten der Fläche.

Hier gibt es folglich 14 Parallelen, aber "nur" 10 Jahre Untersuchungszeit.

Wie die Pilze bestimmt wurden, die nicht gepflückt wurden, wird nicht erklärt. Die Liste der untersuchten Arten ist auch nicht im Artikel enthalten. Hypogäen wurden nicht untersucht.

Was kam als Ergebnis heraus?

1. Die Pflückmethode Schneiden vs. Pflücken war irrelevant.
2. Es konnten keine Unterschiede im Pilzaufkommen zwischen den Flächen mit Fruchtkörperentnahme im Vergleich zu denen ohne Fruchtkörperentnahme festgestellt werden - bei dem 30-Jahre-Versuch.
3. In den 10-jahres-Flächen wurde offenbar deutlich "getrampelt" (es wird "pcking with trampling" genannt). Es wird aber nicht angegeben, inwiefern getrampelt wurde, wie stark das war oder ob es nur ein Begehen war. Letzteres glaube ich nicht, da dann auch in den 30-Jahres-Flächen dieser Effekt zu sehen wäre. Jedenfalls kam heraus, dass die Fruchtkörperproduktion in den "trampling"-Flächen absank (unabhängig davon, ob gesammelt wird oder nicht), die Artenzahl aber nicht betroffen war.

Das sind eigentlich alle Ergebnisse.

Was besagt das?

1.) Die uralte Frage, ob Pflücken oder Abschneiden ist geklärt - Abschneiden beeinflusst die Myzelien nicht, Pflücken auch nicht.

2.) Bodenverdichtung ist ein Einflussfaktor auf die Fruchtkörperproduktion. Vermutlich würden, wenn länger als zehn Jahre beprobt wird, Arten neu hinzukommen, die verdichtete Böden besser ertragen als die vorher dort sitzende Artengemeinschaft. Das wäre ja zu erwarten, da sich ändernde Umgebungsbedingungen zu einem Shift der Artengemeinschaft führen.

3.) Die Produktivität von Pilzmyzelien der untersuchten Arten ändert sich im Durchschnitt nicht durch das Besammeln.

1. und 2. sind, denke ich, klar. 3. hingegen finde ich nicht ganz so klar. Es wurde nicht gezeigt, ob das für alle Arten zutrifft oder ob es für Einzelarten durchaus einen Einfluss ergab. Interessant wäre hier, ob auch kurzlebige Arten betroffen waren oder nicht.

Hintergrund:
Sammelt man in einem Eichenwald auf 10 mal 10 Meter-Flächen die Eicheln weg (von mir aus auch in der Luft am Baum direkt, ohne ihm zu schaden), dann wird man auch innerhalb von 30 Jahren feststellen, dass die Bäume immer noch Eicheln produzieren - vermutlich genauso, wie die Bäume, die nicht beprobt wurden. Insofern war die Frage, ob die Biomasseentnahme zu einer Abnahme der Vitalität der betroffenen Myzelien führt - und das kann man für die untersuchten Arten in dem untersuchten Habitat verneinen.

Egli et al. (2006) diskutieren sehr offen, was ich sehr gut finde. Beispiel Laccaria amethystina - offenbar sind deren Myzelien nur einjährig und sie regenerieren sich jedes Jahr durch Sporen. Und auch hier konnte kein Einfluss durch das Sammeln festgestellt werden. Die Schlussfolgerungen können also nur sein, dass die Myzelien doch länger leben (bei dieser Art) oder dass genug Sporen aus der Umgebung hinzukamen:

"It is possible that adequate numbers of spores entered from the neighbouring areas, or that the
fruit bodies in the plots released enough spores during the weekly harvesting intervals. Nevertheless, the present experimental design realistically simulates strong harvesting pressure." (Egli et al. 2006: 274.

Wir reden von 10 mal 10 - Meter-Plots in einem großen Wald! Dank der langen Laufzeit der Studie wäre zu erwarten, dass die Sporenbank im Waldboden nicht ausreichen würde (wie lange kann eine Laccaria-Spore ohne zu keimen überleben?).

Die Studie ist seriös (klar), die Ergebnisse übersichtlich und die Schlussfolgerungen klar.

Was man aber nicht schlussfolgern kann:
Entfernen von Pilzfruchtkörpern hätte nirgends einen Einfluss. Was wir alle wissen: die Fruchtkörper sind für die Ausbreitung der Arten essentiell (abgesehen von denen, die sich vegetativ oder durch Konidien vermheren). Entfernt man Fruchtkörper in großen Mengen, reduziert man die Zahl der Sporen dieser Art. Die Frage ist, ob man das bei wirklich häufigen Arten schaffen kann. Und die andere Frage ist, über welche Zeiträume das passieren müsste.
Bei Laccaria wäre es klar, wenn die Einjährigkeit der Myzelien stimmt - so lange, bis die noch im Boden ausdauernden Sporen gekeimt haben. Nur werden gerade Lacktrichterlinge nicht wirklich intensiv gesammelt. Insofern sind immer genug Sporen vorhanden.

Wie sieht es aber mit Pilzen an extremen Standorten aus? Ich kann auch einer Pflanze auf bestem Boden Teile der Biomasse entnehmen, das wächst nach. Aber in einem Magerrasen kann zu viel Einfluss schon ausreichen, dass eine Pflanze nicht mehr überlebt. Leben nahe des Pessimums ist hart und schwierig. Wie sähe das bei Pilzen aus? Das kann aus der Studie nicht entnommen werden.

Wie sieht es mit Arten aus, die so selten sind, dass man die Myzelien, die Fruchtkörper produzieren, an zwei Händen aufzählen kann? Was, wenn man da immer und immer wieder Fruchtkörper entnimmt? Dann reduziert man durchaus die Zahl der Sporen signifikant. Das wäre auch nicht schlimm, wenn nicht irgendwann das Ursprungsmyzel absterben würde.

Und warum stirbt es? Natürlich auch durch andere Einflüsse, z.B. Düngen des Bodens (usw.).

Mir kommt es manchmal so vor, als würde die Egli-Studie gerne als ein Persilschein für das Fruchtkörperentnehmen missbraucht werden. Das sagt die Studie aber gar nicht aus.

Eigentlich ist es doch wie immer - Naturfreunde wollen die Natur bewahren und werden maßvoll die Natur für sich nutzen wollen - nicht 10 Zentner Bärlauch, sondern eine überschaubare Menge sammeln, nicht die Zentner Steinpilze zählen und stolz sein, wie viel man gerafft hat, sondern durchaus mal sammeln, sich aber auch über einen Steinpilz freuen zu können, den man stehen lässt - das ist für mich Naturnutzung durch einen Naturfreund.

Die Pilze haben ja fast schon Pech. Hat jemand Skrupel, zu viel zu sammeln, wirft man die Egli-Studie ein und seine Sorgen sind weg?

Das betrifft auch die Nichtspeisepilzsammler. Von Rubroboletus rhodoxanthus gibt es schon so viele Herbarbelege - reicht da nicht auch ein Foto und man lässt den wunderschönen Pilz auch mal stehen, wenn man ihn findet? Schaut man in große Herbarien, wird man von seltenen Pilzen sehr viele Belege finden, von häufigen wenige (die sammelt man nicht zum Herbarisieren).

Wenn sich aus diesem Startbeitrag eine sachliche und freundliche Diskussion zum Thema Nachhaltigkeit beim Pilzesammeln entwickelt, würde mich das sehr freuen. Und sehr gerne auch mit konträren Meinungen. Wir sollten nur eben auf der Sachebene bleiben (wie immer eigentlich).

Liebe Grüße,
Christoph
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