Autor Thema: Der Gyroporus-Thread  (Gelesen 261 mal)

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Offline Christoph

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Re: Der Gyroporus-Thread
« Antwort #2 am: 3. Mai 2018, 23:20 »
Servus beinand,

ich möchte noch die Gelegenheit nutzen, die Ikonotypen von "Boletus" cyanescens und Gyroporus lacteus zu zeigen:


Ikonotypus von Boletus cyanescens


Ikonotypus von Gyroporus lacteus

Bei letzterem fällt der lange Stiel auf (siehe unten, Diskussion). Die beiden Fruchtkörper auf der rechten Seite sind natürlich andere Arten...

Liebe Grüße,
Christoph
Argentum atque aurum facile est laenamque togamque mittere, boletos mittere difficile est
(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)

Offline Christoph

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Der Gyroporus-Thread
« Antwort #1 am: 2. Mai 2018, 19:37 »
Hallo zusammen,

in der Gattung Gyroporus hat sich in den letzten Jahren auch einiges getan – aber leider ist manches meiner Meinung nach sehr unglücklich gelaufen.

Gyroporus cyanescens ist offenbar ein Artenaggregat, Gyroporus castaneus ebenfalls. Das ist erstmal rein wertneutral und macht einen eigenen Thread zum Diskutieren und Wissen Sammeln in Bezug auf die kleine Gattung Gyroporus zwar nicht nötig, aber vielleicht durchaus interessant und hilfreich.

Und nun zum Eingemachten...

Vizzini et al. (2015) haben einen Lectotyp für Gyroporus cyanescens festgelegt (Farbtafel), was natürlich sinnvoll ist. Zudem haben sie aber einen Epitypus definiert und (mal wieder) keine Beschreibung, geschweige denn Mikromerkmale zu dem Epitypus angegeben. Nicht einmal Sporenmaße, gar nichts! Dabei beschreiben  Moreno, Carlavilla, Heykoop, Manjón & Vizzini in Crous et al. (2017) später beispielsweise Gyroporus pseudocyanescens, ohne da dann Gyroporus cyanescens nachzudefinieren. Will man Arten von einer alten, eingeführten Art abtrennen, epitypisiert die alte Art, dann sollte man doch bitte diesen Epitypus doch zumindest mikroskopieren und beschreiben. So hat man nur ein Foto und kann sehen und lesen, dass der Fund unter Pinus sylvestris gesammelt wurde. Für mich ist das ein ad absurdum Führen der Epitypisierung und sollte vom Code verboten werden.

Kurz gesagt – es wurden nachträglich Gyroporus (Vizzini et al. 2015), Gyroporus pseudolacteus (Moreno, Carlavilla, Heykoop, Manjón & Vizzini in Crous et al. 2016) und Gyroporus pseudocyanescens (Moreno, Carlavilla, Heykoop, Manjón & Vizzini in Crous et al. 2017) von Gyroporus cyanescens abgetrennt. All diese Arten wurden definiert, nur eben Gyroporus cyanescens s.str. nicht, obwohl dieser von Vizzini et al. (2015) epitypisiert wurde.

Und das zweite Problem, das nun wirklich Kopfzerbrechen erzeugt… Gyroporus lacteus wurde ebenfalls lectotypisiert (Farbtafel) – Vizzini et al. (2015). Das Problem: die Abbildung zeigt einen rein weißen Pilz mit sehr schmalem Hut und sehr langem Stiel. Ein zweites Bild zeigt ein Fruchtkörperstück, bei dem der Stiel aber vermutlich auch länger als der Hut breit ist. Später wurde dann aber Gyroporus pseudolacteus dadurch abgetrennt, dass dieser einen im Vergleich zur Hutbreite langen Stiel hat, während Gyroporus lacteus einen kürzeren Stiel als die Hutbreite haben soll bzw. maximal der Stiel so lang sein soll wie der Hut breit. Insofern zeigt der Lectotypus von Gyroporus lacteus das, was später als Gyroporus pseudolacteus beschrieben wurde.

Der Epitypus von Gyroporus lacteus ist vermutlich (laut Beschreibung) das kurzstielige Taxon, der Lektotypus das langstielige Taxon. Also was denn nun? Erschwerend kommt hinzu, dass Gyroporus pseudolacteus einen glatten, hellen Hut haben soll, während der Hut von Gyroporus lacteus im Alter gelb ist und auffallende Schuppen entwickelt. Der Ikonotypus von Gyroporus lacteus zeigt „natürlich“ einen milchweißen Hut und keinerlei Schuppen.

Hat Quelét also nicht unter seinem Gyroporus lacteus das gemeint, was später als Gyroporus pseudolacteus neu beschrieben wurde? Nur ist der Epitypus von Gyroporus lacteus eben nicht Gyroporus pseudolacteus.

Kurz gesagt: ein völlig unnötiges Chaos, bedingt durch vorschnelle Epitypisierung und durch die „Weigerung“, die Epitypisierung von Gyroporus cyanescens durch eine Beschreibung zu ergänzen. Das Problem: die Beschreibungen in den gängigen Bearbeitungen dürften eine Vermischung aller vier Arten sein.

Ich habe versucht, mich durch den Dschungel zu kämpfen und das Chaos etwas zu ordnen. Ich habe daher einen provisorischen Schlüssel der Gattung Gyroporus aufgestellt, der zumindest versucht, die neuen Arten aufzutrennen. Über Sequenzierung scheint die Trennung zu gehen, aber auch da sind die Angaben teils kryptisch. Oder anders gesagt:  Ich bin von der Aufdröselung des Gyroporus-cyanescens-Komplexes enttäuscht.

Gyroporus castaneus ist dann als nächstes dran… auch das scheint ein Artenkomplex zu sein. Die Abtrennung von Gyroporus ammophilus (Castro & Freire 1995) ist im Vergleich zu dem, was Moreno, Vizzini (et al.) im Gyroporus-cyanescens-Komplex „angestellt“ haben, sehr klar und griffig.

Literatur:

Castro ML , Freire L (1995): Gyroporus ammophilus, a new poisonous bolete from the Iberian Peninsula. Persoonia 16(1): 123-126.

Crous, PW; Wingfield, MJ; Burgess, TI; Hardy, GESt.J; Crane, C; Barrett, S; Cano-Lira, JF; Le Roux, JJ; Thangavel, R; Guarro, J; Stchigel, AM; Martín, MP; Alfredo, DS; Barber, PA; Barreto, RW; Baseia, IG; Cano-Canals, J; Cheewangkoon, R; Ferreira, RJ; Gené, J; Lechat, C; Moreno, G; Roets, F; Shivas, RG; Sousa, JO; Tan, YP; Wiederhold, NP; Abell, SE; Accioly, T; Albizu, JL; Alves, JL; Antoniolli, ZI; Aplin, N; Araújo, J; Arzanlou, M; Bezerra, JDP; Bouchara, J-P; Carlavilla, JR; Castillo, A; Castroagudín, VL; Ceresini, PC; Claridge, GF; Coelho, G; Coimbra, VRM; Costa, LA; da Cunha, KC; da Silva, SS; Daniel, R; de Beer, ZW; Dueñas, M; Edwards, J; Enwistle, P; Fiuza, PO; Fournier, J; García, D; Gibertoni, TB; Giraud, S; Guevara-Suárez, M; Gusmão, LFP; Haituk, S; Heykoop, M; Hirooka, Y; Hofmann, TA; Houbraken, J; Hughes, DP; Kautmanová, I; Koppel, O; Koukol, O; Larsson, E; Latha, KPD; Lee, DH; Lisboa, DO; Lisboa, WS; López-Villalba, Á; Maciel, JLN; Manimohan, P; Manjón, JL; Marincowitz, S; Marney, TS; Meijer, M; Miller, AN; Olariaga, I ; Paiva, LM; Piepenbring, M; Poveda-Molero, JC; Raj, KNA; Raja, HA; Rougeron, A; Salcedo, I; Samadi, R; Santos, TAB; Scarlett, K; Seifert, KA; Shuttleworth, LA; Silva, GA; Silva, M; Siqueira, JPZ; Souza-Motta, CM; Stephenson, SL; Sutton, DA; Tamakeaw, N; Telleria, MT; Valenzuela-Lopez, N; Viljoen, A; Visagie, CM; Vizzini, A; Wartchow, F; Wingfield, BD; Yurchenko, E; Zamora, JC; Groenewald, JZ. (2016): Fungal Planet description sheets: 469–557. Persoonia 37: 218-403

Crous, PW; Wingfield, MJ; Burgess, TI; Hardy, GEStJ; Barber, PA; Alvarado, P; Barnes, CW; Buchanan, PK; Heykoop, M; Moreno, G; Thangavel, R; van der Spuy, S; Barili, A; Barrett, S; Cacciola, SO; Cano-Lira, JF; Crane, C; Decock, C; Gibertoni, TB; Guarro, J; Guevara-Suarez, M; Hubka, V; Kolařík, M; Lira, CRS; Ordoñez, ME; Padamsee, M; Ryvarden, L; Soares, MA; Stchigel, AM; Sutton, DA; Vizzini, A; Weir, BS; Acharya, K; Aloi, F; Baseia, IG; Blanchette, RA; Bordallo, JJ; Bratek, Z; Butler, T; Cano-Canals, J; Carlavilla, JR; Chander, J; Cheewangkoon, R; Cruz, RHSF; da Silva, M; Dutta, AK; Ercole, E; Escobio, V; Esteve-Raventós, F; Flores, JA; Gené, J; Góis, JS; Haines, L; Held, BW; Horta Jung, M; Hosaka, K; Jung, T; Jurjević, Ž; Kautman, V; Kautmanova, I; Kiyashko, AA; Kozanek, M; Kubátová, A; Lafourcade, M; La Spada, F; Latha, KPD; Madrid, H; Malysheva, EF; Manimohan, P; Manjón, JL; Martín, MP; Mata, M; Merényi, Z; Morte, A; Nagy, I; Normand, AC; Paloi, S; Pattison, N; Pawłowska, J; Pereira, OL; Petterson, ME; Picillo, B; Raj, KNA; Roberts, A; Rodríguez, A; Rodríguez-Campo, FJ; Romański, M; Ruszkiewicz-Michalska, M; Scanu, B; Schena, L; Semelbauer, M; Sharma, R; Shouche, YS; Silva, V; Staniaszek-Kik, M; Stielow, JB; Tapia, C; Taylor, PWJ; Toome-Heller, M; Vabeikhokhei, JMC; van Diepeningen, AD; Van Hoa, N; Van Tri, M; Wiederhold, NP; Wrzosek, M; Zothanzama, J; Groenewald, JZ. (2017): Fungal Planet description sheets: 558–624. Persoonia 38: 240-384.

Vizzini A, Angelini C, Ercole E (2015): Molecular confirmation of Gyroporus lacteus and typification of Boletus cyanescens. Phytotaxa 226(1): 27-38.

Liebe Grüße,
Christoph
« Letzte Änderung: 2. Mai 2018, 19:43 von Christoph »
Argentum atque aurum facile est laenamque togamque mittere, boletos mittere difficile est
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