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Der Scheidenstreiflings-Thread (Amanita subgen. Amanita sect. Vaginatae)

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Christoph:
Servus beinand,

ich habe Amanita nivalis zwar schon im Thread über alpine Pilze thematisiert, aber auch hier im Scheidenstreiflings-Thread sollte diese hübsche Art ihren Platz haben, den ich ihr nun gönne (mitsamt einem noch nicht gezeigten Foto). Das Bild stammt aus Österreich vom 2015er-Treffen der ARGE Österr. Pilzberater:



Amanita nivalis bildet Ektomykorrhiza mit Zwergweiden aus - makroskopisch ist die meist intakt bleibende Volva, die gerne ocker Flecken zeigt, der helle, weiße, später am Scheitel auch etwas ockerliche oder auch grauliche Hut neben dem Habitat eine Bestimmungshilfe. Die Sporen sind bei Amanita nivalis ziemlich variabel, meist mehr oder weniger subglobos, aber es gibt Aufsammlungen, bei denen die Sporen klarer ellipsoid sind - hier variiert die Art wohl ähnlich wie Amanita pini oder Amanita lividopallescens, was erneut die Sporenform als Merkmal für Untersektionen stark abschwächt.

Amanita nivalis kann sehr hoch in den Alpen aufsteigen, solange Zwergweiden vorkommen. Natürlich kommt A. nivalis auch in Grönland, auf Spitzbergen und in Skandinavien vor. Interessanterweise sind die schottischen Highlands bereits subarktisch genug, dass man auch dort bei Zwergweiden Amanita nivalis finden kann.

In den Alpen wurde zeitweise versucht, Amanita alpina abzutrennen, aber später wieder synonymisiert.

Im Hohen Norden gibt es weitere arktische Arten wie Amanita arctica, die sich aber durch ihre Basidien mit Schnallen gut unterscheidet (Amanita nivalis hat schnallenlose Basidien). Amanita arctica wurde noch nicht in den Alpen nachgewiesen. Das heißt aber, dass jede Kollektion mikroskopiert werden muss.

Liebe Grüße,
Christoph

Christoph:
Servus beinand,

jetzt stelle ich mal eine an und für sich leicht kenntliche Art vor: Amanita crocea, den Safrangelben Scheidenstreifling.









Die Kombination der großen, kräftigen Fruchtkörper mit dem orangegelben Hut, der weißen Volva und dem stark flockig-genattert ornamentierten Stiel ist eigentlich unverwechselbar. Mit fällt bei der vorliegende Kollektion auf, dass der Stiel auf Druck direkt safranorange verfärbt (das Fleisch aber blieb unverändert).

Die Lamellenschneide ist mit den üblichen Marginalzellen dicht besetzt, die Sporen sind kugelig (das kann auch hier ein bisserl variieren, also bis breit ellipsoid gehen), meist um 9-12 x 8,5-11 µm, aber es kommen immer wieder sehr große Sporen als Ausreißer vor (bis 20 µm im Durchmesser, aber nicht bei jeder Kollektion). Schnallen: Fehlanzeige. Ich muss allerdings zugeben, dass ich hier nicht sehr ausführlich mikroskopiert hatte, da an dem Tag die Zeit dafür fehlte (der Fund stammt aus dem Nationalpark Bayerischer Wald und damals war ich mehr mit einem Windwurfprojekt beschäftigt, sodass ich den Pilz nur kurz dokumentiert habe).

Amanita crocea wächst sehr gerne bei Birken auf saurem Boden, kann aber mit diversen anderen Bäumen vorkommen, selbst in reinen Fichtenbeständen.

Es gibt weitere, ähnliche Arten, die ich hier in einem Schlüssel (im Original von Tulloss) vorgestellt habe.

Insbesondere Amanita subnudipes ist hier erwähnenswert, da diese Art gerne verwechselt wird. Hauptunterscheidungsmerkmal ist der weiße, glatte bis nur sehr schwach flockige Stiel. Dieses auffallende Zebramuster, das Amanita crocea zeigt, fehlt hier. Der Hut ist auch nicht so intensiv gefärbt.

Amanita flavescens ist auch blasser (hut mehr gelb als safranorange) und hat einen sehr hellen Stiel. Sie wird hier sehr schön vorgestellt. Die geringere Zahl an Marginalzellen muss aber als Trennmerkmal kritisch hinterfragt werden, da sie z. B. im Amanita-lividopallescens-Formenkreis auch nicht mehr verwendet wird, da zu variabel.

Sollte mal eine streng zweisporige "Amanita crocea" gefunden werden, so ist das mit Amanita croceoaenea Contu (nom. prov.; nom. ival.) zu vergleichen.

Die K-K-Reaktion habe ich von Amanita crocea noch nicht getestet. Auch das Subhymenium habe ich ehrlich gesagt nich nicht näher untersucht. Das muss alles im Laufe der Zeit nachgeholt werden. Bei makroskopisch klar bestimmbaren Pilzen ist man manchmal etwas mikroskopierfaul  ;)

Liebe Grüße,
Christoph

Christoph:
Servus Hias...


--- Zitat ---Mir fehlt bei den Streiflingen noch so ein bisschen die Leidenschaft
--- Ende Zitat ---

Dabei sind es soooo hübsche Schwammerl...


--- Zitat --- Immerhin nehme ich inzwischen regelmäßig welche mit.
--- Ende Zitat ---

Sehr löblich  :D

Für mich bleibt deine Kollektion Amanita ochraceomaculata - die K-K-Reaktion testen kannst du ja trotzdem mal, wenn du Zeit hast - geht ja schnell.

Liebe Grüße,
Christoph

Hias:
Servus Christoph,

ja klar, Hutbuckel kann ich nachvollziehen. Was die Hutfarben angeht, sehe ich auf meinem Bildschirm schon einen wenn auch schwach ausgeprägten Olivton im Braun. Was auf den Fotos nicht rüberkommt, ist der exteme Farbunterschied zwischen sonnenexponierten und im Schatten stehenden Fk.

Dass die Konsistenz der Volva nicht immer und zumindest nicht an jeder Stelle mit der Mikrosopie übereinstimmt, habe ich ja von dir gelernt und dies vermutlich als Vorwand missbraucht, schlampig zu mikroskopieren ;D Mir fehlt bei den Streiflingen noch so ein bisschen die Leidenschaft :-X Immerhin nehme ich inzwischen regelmäßig welche mit.

Grüße
Hias

Christoph:
Servus Hias,

rein makroskopisch deckt sich das sehr gut mit dem, was ich als Amanita ochraceomaculata interpretiere. Deine Beschreibung passt aber m.E. nicht ganz auf das Foto - ich zitiere mal deinen Beschreibungstext von deiner Homepage und kommentiere diesen bzw. frage nach...


--- Zitat ---Hut: bis 5,7 cm breit, kegelig bis verflacht kegelig, glatt, schwach glänzend, je nach Alter und Sonneneinstrahlung olivbraun bis olivgrau, am Scheitel meist am dunkelsten; ohne Hüllreste;
--- Ende Zitat ---

Der Fruchtkörper auf dem ersten Foto rechts zeigt am Scheitel bereits den sich ausbildenden Zentralbuckel - würde er weiter aufschirmen, wäre er noch klarer zu sehen. Ich sehe da bereits eine Abweichung vom kegeligen Umriss (kannst du das nachvollziehen? Sonst markiere ich das an einer Ausschnittsvergrößerung)
Und die Farbe ist für mich hier ohne Oilvtöne, sondern eher ein helles Braun ohne Grünanteil. Kommen die Farbtöne auf dem Foto nicht gut rüber? Meinst du so einen Olivstich, wie er bei Amanita submembranacea vorkommt? Sieht für mich hier anders aus - eben wie A. ochraceomaculata.


--- Zitat --- Stiel: bis 9 cm lang und 1 cm breit (bei jungen Fk auch dicker), gekammert hohl, schmutzig weiß, fast glatt, fein faserig;
--- Ende Zitat ---

Passt sehr gut...


--- Zitat ---Volva: innen und außen weiß, außen stellenweise schmutzig ocker gefleckt, dünn und brüchig;
--- Ende Zitat ---

Die Flecken sind für mich keine reinen Flecken (nur Farbe), sondern auch erhabene Struktren - filzige "Patches" - und das passt auf die Art. Reine Farbflecken wären was anders. Wichtig ist die Angabe, dass die Volva relativ brüchig ist (wobei das nicht zu deiner Mikroskopieangabe passt)


--- Zitat --- Geruch: aromatisch (wie Schnitzel);
--- Ende Zitat ---

Ist mir noch nicht aufgefallen - ich muss mal hungrig an einer riechen  ;)


--- Zitat ---Mikromerkmale vom Exsikkat: Volva (nur ein Präparat untersucht): hyphig, Sphaerozyten nur sporadisch vorhanden; Zellen überwiegend 4-7 µm breit;
--- Ende Zitat ---

Das wundert mich jetzt sehr, da du ja makroskopisch die Volva als relativ fragil beschreibst - es macht einen Unterschied, ob man die Innen- oder Außenseite der Volva mikriskopiert. Und auch, wo man sie anschaut - an der Abrisskante hat man meist besonders viel Sphaerocyten (da muss sie ja reißen), an der Stielbasis ist sie meist zäher - ein Präparat allein ist da m.E. zu wenig. Ich würde wetten, dass du reichlich Sphaerocytennester findest, wenn du an der Abrisskante mikroskopierst. Deshalb finde ich nebenbei bemerkt die makroskopische Charakterisierung der Volvafestigkeit wichtiger als die mikroskopische Analyse der Volva.


--- Zitat ---Cheilozystiden: dicht gepackt (Schneide steril), blasig, ca. 26-39 breit;
--- Ende Zitat ---

Passt sehr gut.


--- Zitat ---Hymenium: Trägerzellen der Basidien zumindest teilweise subisodiametrisch;
--- Ende Zitat ---

Subisodiamterisch passt gut - sie blähen sich etwas auf, aber nicht zu stark... in der Originaldiagnose wird es so bezeichnet: "a cellule cilindriche generalemente strette nel giovane, che divengono rigonfie, subglobose nei basidiomi maturi; questi´o due forme possone coesistere in uno stesso basidioma" (Neville et al. 2000: 264)


--- Zitat --- Sporen: subglobos, Maße: 10,8 x 9,1 (9,4-12,7 x 8,1-10,1), Q=1,18 (1,02-1,33), 20 Sp. gemessen;
--- Ende Zitat ---

Quotienten bis zu 1,3 erwähnen auch die Autoren in der Originalbeschreibung. Die Sporenformen sind zudem wohl variabler als früher angenommen (da hilft mittlerweile die Genetik). Die Dimensionen passen.

Ich würde dir noch raten, die K-K-Reaktion zu prüfen (vgl. Neville & Poumarat 2009). Schau die am besten erstmal bei einer klar positiv reagierenden Art an (z.B. Fliegenpilz oder Verwandtschaft) und dann vergleiche es mit deiner Kollektion. Ich bin mir sehr sicher, dass sie negativ ausfallen wird.

Für mich ist deine Kollektion eine typische Amanita ochraceomaculata (abgesehen von der Volvamikroskopie, die aber nur an einer Stichprobe erfolgte (siehe oben).

Das Habitat passt ja auch (Kalkalpen, Fichten).

Liebe Grüße und danke für's Zeigen / Vorstellen,
Christoph

Literatur:
Neville P, Poumarat S, Fraiture A (2000): Una nuova specie europea di Amanita, sezione Vaginatae: A. ochraceomaculata. Boll. Gruppo Micol. Bresadola - Nuova Ser. BGMB 43(2): 261-268.

Neville P, Poumarat S (2009): Quelques  espèces nouvelles ou mal délimitées d’Amanita de la sous-section Vaginatinae.  Fungi non delineati LI-LII.

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