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Der Dacrymyces-Thread - alles rund um Gallerttränen

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Christoph:
Servus beinand,

ich habe lange gesucht, aber dann doch noch Sporen der Tulasnella gefunden. Es sind zwar nur wenige gewesen, aber die Form und Größe passen zu Tulasnella thelephorea.

Ich komme auf 6,5-8,5 x 3,75-4,75 µm (jeweils auf ein Viertel Mikrometer gerundet).

Roberts (1994): Globose and ellipsoid-spored Tulasnella species from Devon and Surrey, with a key to the genus in Europe. Mycol. Res. 98 (12): 1431-1452 zeigt, dass die Sporenmaße ziemlich variieren können, hat aber bei seinen eigenen Aufsammlungen meist kleinere Maße als beim Lectotypus.
Dieser hat Sporen von 6-9 x 4-6 µm, seine eigenen Kollektionen schwanken von (3,5-)5-6,5 x (3-)3,5-4 µm als Extrem und (6-)6,5-8,5(-9,5) x (3,5)4-5,5(-6,5) µm.
Da passen meine Maße ganz gut mit rein, finde ich.

Tulasnella thelephorea kommt zwar meist in "normalen" Corticioiden vor, Roberts (1994) gibt aber explizit an, dass sie auch in Dacrymyces (stillatus) vorkommt.

Es gibt zwar eine ganze Reihe von Tulasnella-Arten mit Schnallen, aber die wenigsten von ihnen wachsen im Hymenium von Gallertpilzen. Die Ökologie und die Sporenform passen sehr gut auf T. thelephorea.

Roberts (1994) gibt etwas schmalere Epibasidien an (die dafür bei ihm sehr lang auswachsen können), aber hier war die Tulasnella auch noch sehr jung. Die "Knubbel", die am dicksten waren, waren noch nicht ausgewachsen.

Bei Pilze-Deutschland (http://www.pilze-deutschland.de/organismen/tulasnella-thelephorea-juel-juel-1914) sind viele Funde in Nordbayern, Thüringen und Sachsen eingetragen. Man findet sie immer wieder,  wenn man Cortis anschaut. Wie häufig sie aber in Dacrymyces vorkommt, weiß ich allerdings nicht  ;)

Liebe Grüße,
Christoph

Christoph:
Servus Pablo,

ja, sieht sehr gut aus als Dacrymyces enatus.  :)

Liebe Grüße,
Christoph

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Liebe Dacrymyces-Freunde,

in dem Artenkomplex rund um Dycrymyces stillatus ist die Bestimmung teils sehr schwierig, wie ich finde. Hier ist immer noch viel zu tun.

Ich habe heute beim Gassigehen eine Gallertträne an einem Grauerlenast (Alnus incana, finalfaul - zwar noch berindet, aber das Holz ist so weich, dass man es mit zwei Fingern ohne Kraftaufwand plattdrücken kann) gefunden, die ich gleich mal vorstellen möchte. Sie tendiert zwar zum Zusammenfließen, aber erst sehr alt. Sie ist jeweils an einem Punkt am Substrat angewachsen, aber nicht gestielt.


Dacrymyces cf. minor - Fruchtkörper bereits etwas angetrocknet


Dacrymyces cf. minor - Fruchtkörper wieder aufgequollen


Dacrymyces cf. minor - Fruchtkörper wieder aufgequollen; der große Fruchtkörper knapp rechts der Mitte ist von Tulasnella cf. thelephorea befallen

Die Hyphen haben keine Schnallen. Die Tramahyphen haben einen Durchmesser von ca. 2,5-4 µm, die Septen erscheinen etwas eingeschnürt – es handelt sich also um Primärsepten, die sich gebildet haben, bevor die Zellen der Hyphen sich ein bisserl aufgebläht haben. Die Hyphen sind glatt, ohne Inkrustationen oder anderweitige Auflagerungen, etwas dickwandig bis dünnwandig erscheinend, aber auch dann offensichtlich steif, wenig biegsam.

Die Haare an der sterilen Unterseite der Fruchtkörper sind auch nur etwas dickwandig, deren Endzellen meist keulenförmig (wie Basidiolen von „normalen“ Basidiomyzeten) – jung sind sie auch banal zylindrisch, später aber eben keulenförmig.

Die Sporen sind reif dreifach septiert (je eine Spore, die bereits Konidien auskeimte, war vierfach respektive zweifach septiert). Die Septen waren meist verdickt, aber nur bis ca. 0,5 µm, gut sichtbar als dickes Septum, aber nicht so extrem, wie ich es von Dacrymyces stillatus s.str. kenne. Manchmal drücken große Vakuolen das Zellplasma so an die Septen, dass diese dadurch sehr dick erscheinen. Da muss man aufpassen... Die Sporenmaße wiederum ergaben (10-)11,5-13,2-14,5(-15,25) x (4,25-)4,75-5,1-5,75 µm; Q = (2,0-)2,2-2,60-3,0

Die Basidien sind ganz normal gabelig ausgeprägt; ich habe auch keinerlei Sekundärsepten gesehen. Die Epibasidien werden ziemlich lang (mindestens bis 50 µm), was aber auch normal ist.

Dikaryophysen fehlen bzw. ich habe keine gesehen.

Arthrokonidien: nicht gesehen (keine Anamorphe)

Hier meine Mikroskop-Notizen (Maße mal 0,95, mein Messokular ist nicht 1 : 1 kalibriert)







Zusammengefasst:
Sporen reif dreifach septiert (nur selten sogar bis 4-fach), Septen etwas verdickt (dicker, als ich sie von Dacrymyces capitatus kenne, aber weniger massiv, als bei typischer Dacrymyces stillatus.
Keine Schnallen, keine Dikaryophysen.

In den alten Fruchtkörpern steckt übrigens eine Tulasnella, die dort sehr massiv wird. Sie hat auffällige Schnallen und die Basidien entwickeln sich in Büscheln. Leider habe ich keine Sporen derselben gefunden – sie ist noch etwas zu jung. Nach Roberts & Piatek (2004): Heterobasidiomyecets of the families Oliveoniaceae and Tulasnellaceae from Poland. Polish Botanical Journal 49(1): 45–54 müsste es Tulasnella thelephorea sein, da es nur wenige Arten mit Schnallen gibt. Mir wäre es aber lieber, wenn sich das durch passende Sporenmaße bestätigen ließe. (P.S.: ich habe später Sporen gefunden - es passt - auch in Einklang mit Roberts (1994) - siehe nächster Beitrag in diesem Thread)

Zurück zur hier vorgestellten Kollektion. An Dacrymyces stillatus s.str. glaube ich nicht.

Im Vergleich – ich kenne Dacrymyces stillatus s.str. deutlich breitsporiger. Kollektion CH01/2013 von einem liegenden Fichtenast (als Beispiel): (10,5-)14,25-15-17 x 5,75-6,5-7,5 µm; Q = 1,8-2,26-2,8; die Sporensepten sind bis 2 µm dick. Bei dieser Kollektion hatte ich auch Dikaryophysen gefunden – sie entsprechen denen auf der Abb. 20b auf S. 93 in der Doktorarbeit von Göttel (1983):


Abb. 20b aus Göttel (1983: 93) - sorry für die schlechte Scan-Qualität

Göttel (1983) nennt diese Strukturen allerdings nicht Dikaryophysen.

Jedenfalls ist das für mich Dacrymyces stillatus s.str. - im Gegensatz zu meiner heutigen Kollektion.

Was bleibt als Alternativen?

Dacrymyces capitatus hätte größere Sporen und die kenne ich nur dünnwandig.

Dacrymyces minor würde hinsichtlich der verdickten Sporenwände passen. Was die Sporenmaße angeht, widersprechen sich die Literaturstellen etwas bis sehr deutlich (was in der Gruppe immer wieder auffällt):

Kennedy (1958) gibt an: 8-15 x 3-4(-6) µm

McNabb (1973) gibt an: 8-14(-15,5) x 3,5-5(-6) µm

Reid (1978) gibt an: 10,2-13,75(-16) x 4-4,5(-5) µm – er gibt auch das bilden eines vierten (bis fünten) Septums bei überreifen Sporen an

Göttlein (1983) gibt an: 13-15 x 5-7 µm

Shirouzu et al. (2009) geben an: 12,5-18 x 5-9,5 µm (kein Tippfehler!)

Dacrymyces minor wird also entweder als schmalsporige Art interpretiert (Kennedy, McNabb, Reid) oder als ziemlich bis deutlich breitsporig (Göttlein, Shirouzu et al.). Die japanische Interpretation dürfte allerdings wohl kaum das Gleiche sein. Dacrymyces minor wurden von Peck aus den USA beschrieben und Kennedy hat den Typus von Peck studiert (bzw. hat die Art lectotypisiert). Insofern ist eine schmalsporige Interpretation das, was dem Originalkonzept entspricht.

Bleibt Dacrymyces lacrymalis als Möglichkeit. Abgesehen davon, dass hier die Fruchtkörper größer, dreidimensionaler und schon bald (und nicht erst ganz alt, wenn sie von Parasiten befallen werden) gyrös werden, passt hier auch die Verdickung der Sporensepten nicht – wobei ich hier kaum Eigenerfahrung habe. Die Interpretation von Dacrymyces lacrymalis fällt mir schwer.

Ich würde meine Dacrymyces daher erstmal als Dacrymyces cf. minor bezeichnen.

Viel zu oft habe ich nach der ersten Sichtung (Sporen dreifach septiert, keine Schnallen), die aufgesammelte Gallertträne wieder „entsorgt“. Jetzt werde ich das ganz sicher nicht mehr tun.

Liebe Grüße,
Christoph

Beorn:
Hallo, Gernot & Christoph!

Eine Dacrymyces "cf" enatus hatte ich auch mal gefunden, wenn ich mir deine wunderbare Dokumentation so angucke, Gernot, kann ich das "cf" bei meiner wohl sogar streichen.
Die Darstellung meines Fundes ist bei weitem nicht so gelungen, aber ich stelle ihn trotzdem hier mal dazu.




Gefunden am 30.12.2015 in Norditalien; an den Hängen über dem Westufer des Lago Maggiore auf ca. 400-500 mNN; nähe Sant. Agatha / Cannobio; in einem Einschnitt (relativ bodenfeucht), ehemals bebautes (terrassiertes), längst aber von der Natur zurückerobertes Gelände, mit Baumbestand vorwiegend aus Esskastanien, Birken, Ahorn; Grundgestein Granit (sauer) an einem feucht liegenden, recht stark zersetzten Laubholz - Aststück.

Also auch wieder ein wenig anders, als die von Gernot beschriebenen Habitate.

Interessant übrigens auch in dem Zusammenhang mit der Ökologie von "Ditiola" peziziformis: Es gibt in der (klimatisch submetiterran geprägten) Oberrheinebene einige Vorkommen von Phlebia centrifuga. Alle Kollektionen dieser Art von mir und einigen Pilzkollegen sind neueren Datums, vorwiegend an Laubholz, aber einzelne Aufsammlungen auch an Kiefer. Morphologisch sind die nicht von Phlebia centrifuga aus "typischen" Habitaten zu unterscheiden. Da wären vielleicht noch ein paar Sequenzen interessant, auch wenn die vermutlich auch nichts anderes ergeben werden.

Das wäre also ein Fall aus einem ganz anderen Gebiet, der sich analog zu den Ditiola peziziformis - Kollektoinen verhält.


LG, Pablo.

Christoph:
Servus Gernot,

das ist ja eine Bilderbuchkollektion. Die Fruchtkörperfarbe, das Zusammenfließen, an Laubholz... Danke für das schöne Portrait! Ich finde, D. enatus hat einen recht hohen Wiedererkennungswert - und dank der schönen Dikaryophysen (neben den anderen Merkmalen) ist die Art ja auch anatomisch gut erkennbar.

Und ja, die Zeit vergeht - ich erinnere mich an die Tremella-obscura-Anfrage. Es gibt ja mehrere, an Dacrymyces parasitierende Tremellen wie z. B. Tremella giraffa, Tr. penetrans, Tr. occultifuroidea und Tr. obscura. Ich denke aber immer noch, dass du damals Tremella obscura s.str. hattest.

Das ist auch etwas, was ich eigentlich gerne an Gallerttränen habe - man findet immer wieder mal andere, interessante Pilze, so auch Occultifer internus.

Lieber Pablo,

da ich weniger im warmen Lagen, sondern eher in höheren Lagen unterwegs bin, kenne ich Ditiola peziziformis selber nur von Tanne. Mich wundert es auch, wenn eine Art eine so zweigeteilte Verbreitung / Ökologie aufweist. Das allein reicht aber natürlich nicht für eine Trennung. Aber es kann natürlich gut sein, dass man Differentialmerkmale findet, wenn man danach sucht.

Witzig ist, dass Ditiola pezizizformis im Stammbaum von Shirouzu et al. (2012): Taxonomic study of the Japanese Dacrymycetes. Persoonia 23: 16–34 zusammen mit Dacrymyces variisporus (wächst ja auch an Tanne) clustert. Allerdings ist das nicht statistisch unterstützt. Die Gattungsgrenzen und -zuordnungen passen jedenfalls ohnehin noch nicht, wenn man die phylogenetischen Bäume betrachtet. Da ist die Publikation von Shirouzu et al. (2012) wirklich sehr spannend.

Liebe Grüße euch beiden  :),
Christoph

Gernot:
Servus,

ich muss zugeben, die gallertigen Tränen schaue ich mir viel zu selten an… Meistens schmeiße ich sie frustriert weg, weil ich sie im eingetrockneten Zustand auf den ersten Blick für Orbilien halte. :-X Eine interessante, von Christoph in der Diskussion bei D. macnabbii bereits erwähnte Art kann ich aber dennoch zeigen: Dacrymyces enatus. Ich hab diesen äußerlich für Dacrymyces eher untypischen Pilz bisher zweimal gefunden, einmal (abgebildete Kollektion) auf der Unterseite eines liegenden, entrindeten Astes von Alnus incana in einem Erlenbruch am Rande eines kleinen Moorbereiches, und einmal in einem natürlichen Fichten-Tannen-Buchenwald auf einem entrindeten Fagus-Ast. Letztere Aufsammlung war von Tremella obscura befallen – diese hab ich schon einmal in diesem Forum gezeigt (kaum zu glauben, dass das schon neun Jahre her ist…).

Mikroskopisch ist D. enatus anhand der Schnallen, der erst spät einfach septierten Sporen und vor allem der verzweigten Dikaryophysen charakterisiert (siehe Mikrofotos).


Dacrymyces enatus















Schöne Grüße
Gernot

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