Autor Thema: Was ist Boletus erythropus? - Nomenklaturchaos nach der Neotypisierung...  (Gelesen 231 mal)

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Offline Christoph

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Liebe Röhrlingsfreundinnen und -freunde,

jetzt ist es passiert. Boletus erythropus wurde neotypisiert. Persoon hatte bei seiner Originalbeschreibung 1795 keine Tafel und keinen Beleg erwähnt oder hinterlegt. Fries hatte den Namen ja übernommen und sanktioniert - und er verstand das darunter, was für uns alle seitdem "Boletus erythropus" war: den "Flocki".

Das Grundproblem ist/war aber, dass Persoon seine Originalbeschreibung nicht sehr ausführlich gestaltete und er neben den Schüppchen am Stiel auch blutrotes Fleisch in der Stielbasis beschreibt. Man kann daher in der Beschreibunf das sehen, was wir bislang als Boletsu queletii kennen/kannten, also den Glattstieligen Hexenröhrling (wobei da die Schüppchen am Stiel schon sehr klein sind) oder als einen Flocki mit rotem Fleisch in der Stielbasis (selten, gibt es aber) oder Persoon hat beide Arten nicht getrennt und die Beschreibung vermischt, was ich als am wahrscheinlichsten erachte.

Man hat also zwei Möglichkeiten, wenn man Boletus erythropus nachträglich typisiert - man wählt eine Kollektion eines Flockis mit rotem Fleisch unten in der Stielbasis oder einen Glattstieligen Hexenröhrling mit deutlichen Schüppchen am Stiel.

Warum ist es überhaupt nötig, einen so klar umrissenen Namen (die Interpretation als Flocki ist ja seit langem stabil) zu neotypiseiren? Ganz einfach: durch die Aufspaltung der Großgattung Boletus steht der Flocki nun in der Gattung Neoboletus und ist dort daher nicht mehr durch Fries sanktioniert. Es gilt also die Interpretation von Persoon.

Allerdings sollte meiner Meinung nach eine Neotypisierung die Nomenklatur stabilisieren und nicht alles umschmeißen. Leider ist nun genau das passiert.

Man sollte den Neotypus aus der Region wählen, aus der das Originalmaterial stammte, auf dem die Beschreibung aufbaut. Persoon sammelte und wirkte in den Niederlanden, also wäre die Region Belgien / Niederlande / Luxemburg /Nordhrein-Westfalen geeignet, um dort nach einem Neotypus Ausschau zu halten. Also eine Region mit ozeanischem Klima und die gemäßigt ist. Sonst könnte passieren, dass die Art, die durch den Neotypus nachdefiniert wird, in der Region gar nicht vorkommt, aus der die Beschreibung stammt. Das ist bei so weit verbreiteten Arten wie den Hexenröhrlingen jetzt zwar kaum denkbar, aber es wurde einmal sogar eine europäische Art mit amerikanischem Material neotypisiert - nachträglich stellte sich heraus, dass das, was dieser Typus festlegt, gar nicht in Europa vorkommt.

Hier ist eine Lücke im Nomenklaturcode.

Im Fall Boletus erythropus ist es nicht ganz so extrem, aber meiner Meinung nach dennoch extrem unglücklich. Der Neotypus stammt aus Italien, genauer aus den Ambruzzen und wächst bei Quercus spec. Ostrya carpinifolia und Castanea sativa.

Diese Wahl ist äußerst unglücklich, zumal Ostrya und Castanea keine typisch holländischen Bäume sind und Persoon ganz sicher nicht in Italien seinen Boletus erythropus festgelegt hat. Es hätte zumindest Westeuropa sein können - und nicht eine ganz andere Florenregion, also den Mittelmeerraum.

Die Publikation ist aktuell (Herbst 2017):
Simonini G, Gelardi M, Vizzini A (2017): Neotypification of Boletus erythropus. Boll. AMER 100-101, Anno XXXIII, 2017 (1-2): 77-82.

Simonini et al. (2017) geben hierbei nur einen Herbarbeleg an, zeigen ein Foto der Kollektion und diskutieren die Übereinstimmung des Fotos mit dem Protolog von Persoon. Es wird noch eine DNA-Squenz angegeben, die aber laut Genbank von einer anderen Kollektion stammt.  :-X Nun ja...

Leider geben die Autoren keinerlei Informationen zur Anatomie ihres Neotypus' an. Die Mikromerkmale fehlen ja auch in der Originalbeschreibung - aber das wird vermutlich den Anderen überlassen, diese "Knochenarbeit" der Herbarbelegmikroskopie zu übernehmen. Die Sequenz in der Genbank stammt jedenfalls von einer Kollektion von "Boletus queletii", aber unter einer anderen Herbarnummer (gleiches Herbar, andere Nummer).

Was folgt nun aus der Neotypisierung?

Nun, zunächst ist damit der Gebrauch des Epithetons "erythropus" für den Flocki Geschichte (es sei denn, die Typisierung wird nicht anerkannt wegen formaler Fehler). Das bedeutet, dass der Glattstielige Hexenröhrling nun nicht mehr Boletus queletii, sondern Boletus erythropus genannt werden muss bzw. er bald als Suillellus erythropus benamst werden wird. Das erschwert die Auswertung zukünftigerr Daten, da man jetzt immer prüfen muss, ob "Boletus erythropus" im klassischen oder im neuen Sinn verwendet wird. Ferner muss der Flocki einen neuen Namen erhalten. Und auch da ist nicht ganz klar, ob der nun Boletus luriudiformis oder Boletus praestigiator ist, da Boletus luridiformis irgendeiner der diversen "discolor"-Funde ist.

Tja, hätte, hätte, Fahrradkette.

Es wäre so einfach gewesen...

Der Flocki wäre "erythropus" geblieben,
der "Glatte" hieße weiterhin "queletii" und die Nomenklatur wäre stabil geblieben.

Jetzt muss der "Glatte" "erythropus" heißen,
der "Flocki" braucht einen gesicherten Namen, der entweder "luridiformis" oder "praestigiator" als Epitheton führt.
Ach ja, falls die Wahl doch auf "luridiformis" fallen sollte, dann wäre das Chaos perfekt - denn erkennt man diese gelblichen als Varietät an, dann müsste der normale, häufige Flocki ja als Varietät des selteneren, gelb-braunen "discoloroiden B./S. luridiformis" beschrieben werden (bzw. wieder ein alter Name ausgegraben werden und als Varietät kombininiert werden - wie wäre es mit Neoboletus luridiformis var. praestigiator?

Und warum das ganze? Weil ein in Sachen Stabilität der Nomenklatur ein denkbar ungeeigneter Neotypus gewählt wurde, der nichtmal aus der Sammelregion des Originalbeschreibers stammt und Symbiosepartner hat, die in dieser Region untypisch sind.

Und die Moral von der Geschichte?

Schwer zu sagen. Fachlich kann man ja nicht abstreiten, dass Persoon durchaus den Glattstieligen meinte bzw. eine Mischbeschreibung ablieferte. Offensichtlich spielt aber Benennungstradition, also Stabilität der Nomenklatur keine Rolle mehr, obwohl der Nomenklaturcode genau das als Ziel hat / haben sollte. Jedenfalls werden wir Artenlisten von Exkursionen kaum noch auswerten können, da man immer rückfragen muss, welchen "erythropus" man meinte. Aber wir werden uns daran gewöhnen.  8) Verstehen kann ich dieses Vorgehen allerdings nicht.

Liebe Grüße,
Christoph
« Letzte Änderung: 26. Dezember 2017, 12:12 von Christoph »
Argentum atque aurum facile est laenamque togamque mittere, boletos mittere difficile est
(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)